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Mario Balotelli wechselte im Sommer vom AC Mailand zum FC Liverpool

Liverpools Neuzugang Mario Balotelli weckt bei <strong>SPORT1</strong>-Kolumnist <strong>Raphael Honigstein</strong> ungute Erinnerungen an einen Kolumbianer.

Faustino Asprilla ist ein Name, der in den vergangenen Tagen auf der Insel wieder häufiger fällt - aber nicht, weil der ehemalige Stürmer von Newcastle United, 44, diesen Herbst Kondome mit Guava-Geschmack auf den Markt gebracht hat.

Der Kolumbianer muss vielmehr als warnendes Beispiel aus der Historie herhalten.

Newcastle spielte 1995/96 mit Künstlern wie David Ginola und Peter Beardsley den schönsten Fußball in der Premier League - bis Trainer Kevin Keegan im Februar Asprilla vom AC Parma verpflichtete.

"Tino" schoss ein paar spektakuläre Tore, brachte aber als zweiter Stürmer neben Les Ferdinand die Statik im bis dahin wunderbar funktionierendem Team durcheinander. Newcastle kam aus dem Tritt, verspielte die Meisterschaft und kam seitdem dem Titel nie wieder so nahe.

Knapp zwanzig Jahre später hinkt zwangsläufig jeder Vergleich, aber der eine oder andere Beobachter kann sich trotzdem nicht des Verdachts erwehren, dass der FC Liverpool sich mit der Verpflichtung von Mario Balotelli ein ähnliches Problem wie damals die "Elstern" mit Asprilla in die Kabine geholt hat.

Einen "verschwendeten (Start-)Platz" nennt ihn der ehemalige Liverpool-Mittelfeldspieler Jimmy Case nach dem 3:2-Sieg gegen die Queens Park Rangers. Der Italiener hat seit seinem Wechsel vom AC Milan in der Liga 30 Mal aufs Tor geschossen, aber kein einziges Mal getroffen.

Das größere Problem ist jedoch, dass Liverpool das ganz auf explosive Konter ausgerichtete Spiel aus dem Vorjahr mit dem eher statischen, in der Arbeit gegen den Ball nicht gerade übermotivierten "Balo" nicht mehr praktizieren kann.

Der Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem hyperaktiven und Achtung: stets sehr bissigen Uruguayer Luis Suarez könnte nicht krasser sein. Wo früher Suarez' Eifer ansteckend auf die Kollegen wirkte, strahlt nun die Trägheit des Italieners auf das ganze Team ab.

Liverpools Trainer Brendan Rodgers findet diese Diskussion unfair. "Ich habe immer gesagt, dass Luis unersetzlich ist", sagte der Nordire nach dem schmeichelhaften Sieg bei QPR, "von Mario verlangen wir andere Dinge. Er ist ein toller Junge und er wird besser werden. Aber das geht nicht über Nacht."

Rodgers hat nicht ganz Unrecht: Balotelli, 24, ist natürlich ein völlig anderer Spielertyp als Suarez. Und Liverpools Probleme haben nicht nur allein mit dem neuen Starstürmer zu tun, sondern auch mit Steven Gerrards schwindendem Einfluss in der Zentrale und der Verletzung von Angreifer Daniel Sturridge, der 2013/14 der kongeniale Partner von Suarez war.

Aber das ist eben auch nicht die ganze Wahrheit. Rodgers' Behauptung, Balotelli habe gegen QPR "hart gearbeitet und sein Bestes gegeben" wurde von den Reportern mit ungläubigem Staunen quittiert.

"Wenn das harte Arbeit ist, möchte man sich nicht vorstellen, wie es aussieht, wenn er sich weniger anstrengt", schrieb Miguel Delaney (ESPNFC), "kein Spieler im Weltfußball kann einen so aufregen wie er."

In der Premier League konnte man zuletzt Boden auf die Champions-League-Plätze gut machen, weil auch namhafte Konkurrenten wie Manchester United (Platz sechs), Arsenal (Platz sieben) oder Tottenham (Platz elf) schwach gestartet sind.

Doch Rodgers hat selbst erkannt, dass Liverpool nach der fulminanten Vorsaison mit dem Beinahe-Titelgewinn an Tempo und Momentum eingebüßt hat. "Kurzfristig müssen wir zurückstecken, aber langfristig profitieren wir", sagte er dem spanischen Blatt "AS" mit Blick auf die Veränderungen im Kader.

Dafür müsste seine verunsichert wirkende Elf aber so langsam zu sich finden. Und vor allem sollte Balotelli aufpassen, dass er nicht zur unfreiwilligen Symbolfigur des Stillstandes wird - und als eine Art "roter Asprilla" in die Geschichtsbücher eingeht.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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