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Der FC Southampton liegt in der Premier League mit bescheidenen finanziellen Mitteln auf Platz zwei

SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein beleuchtet den Höhenflug des FC Southampton in der Premier League und nennt Gründe.

Als "Saints", die Heiligen, wie der FC Southampton auf der Insel genannt wird, sollte sich der Klub an der Südküste eigentlich mit Fußballwundern gut auskennen (Der SFC wurde 1885 von Mitgliedern der Kirchengruppe St. Mary's Church of England Young Men's Association gegründet).

Doch der bisherige Saisonverlauf macht selbst die optimistischsten Fans zunehmend sprachlos.

"Wir werden Meister", sangen die Zuschauer im St. Mary's-Stadion beim 1:0-Sieg gegen Stoke City am Samstag. Das war natürlich weder wörtlich noch ernst gemeint, sondern hieß so viel wie: Das ist doch alles Wahnsinn. In der Woche zuvor hatte man Sunderland mit 8:0 aus dem Stadion geschossen.

Nur vermeintlich kaputt gekauft

Platz zwei in der Tabelle, vier Punkte hinter Chelsea, dazu mit nur fünf Gegentoren die beste Defensive in der Premier League. Diese Bilanz wäre nach einem Viertel der Saison an sich schon ziemlich sensationell.

Als wahre "Wundertäter", wie Arsene Wenger die Saints-Verantwortlichen kürzlich nannte, erscheinen Trainer Ronald Koeman und seine Helfer im Hintergrund jedoch erst, wenn man bedenkt, dass der Kader im Sommer von der Konkurrenz systematisch kaputt gekauft worden war.

Linksverteidiger Luke Shaw (Manchester United), Abwerspieler Calum Chambers (Arsenal), Mittelfeldmann Adam Lallana und Innenverteidiger Dejan Lovren (beide Liverpool) gingen für insgesamt 117 Millionen Euro von Bord. Trainer Mauricio Pochettino, der die Elf mit sehr aggressivem Pressing auf Platz acht geführt hatte, wurde von Tottenham Hotspur abgeworben. Als nach der Weltmeisterschaft auch noch Spielmacher Morgan Schneiderlin öffentlich auf einen Wechsel drängte, stand Southampton für viele Experten als Abstiegskandidat fest.

Koeman wagt sich aus der Deckung

Doch es kam anders. Der Niederländer Ronald Koeman veränderte die Taktik - Southampton spielt nun abwartender und kaufte im Verbund mit dem Vorstandsvorsitzenden Ralph Krüger derart smart ein, dass der Verein trotz eines Transferüberschusses von mehr als 40 Millionen Euro qualitativ nicht an Substanz verloren hat.

Koemans Schlüsselspieler, der italienische Nationalstürmer Graziano Pelle (Feyenoord, acht Saisontore) und Dusan Tadic, den niederländischen Vorlagengeber von Twente, hat er aus der Eeredivisie mitgebracht, aber auch der Senegalese Sadio Mane (RB Salzburg) und Leihgeschäfte wie Toby Alderweireld (Atletico Madrid) und Ryan Bertrand (Chelsea) haben das Team sofort verstärkt.

Der bisher sehr vorsichtige Koeman wagte sich nach dem Sieg gegen Stoke erstmals ein wenig aus der Deckung. "Man City hat ein großartiges Team und Chelsea ist wahrscheinlich die kompletteste Mannschaft im Moment", sagte der 51-Jährige, auf Southamptons Chancen auf die ersten vier Plätze angesprochen. "Aber der Rest hat bisher nicht gezeigt, dass sie bessere Mannschaften als wir haben. Vielleicht haben wir eine Chance, weil Liverpool und Arsenal in der Champions League spielen müssen und ein hartes Programm haben."

Verschwiegene Riege um "Phantom-Lady"

Der Deutsch-Kanadier Krüger, ein ehemaliger Eishockey-Profi, und die Vorstandsmitglieder Gareth Rogers und Hans Hofstetter haben auch ihren Anteil an dem unerwarteten Erfolg, den zu beziffern fällt jedoch schwer.

Außer Koeman äußerst sich vom Verein niemand öffentlich.

Klubbesitzerin Katharina Liebherr lebt diese Verschwiegenheit vor. Die 37-Jährige hat den Verein von ihrem 2010 verstorbenem Vater, dem Deutsch-Schweizer Markus Liebherr, geerbt. Der Milliardär hatte den Klub ein Jahr zuvor übernommen und vor dem Konkurs bewahrt. Die Daily Mail nannte Katharina Liebherr im Januar "die Phantom-Lady" und mutmaßte, dass diese wohl am liebsten ganz von der Bildfläche verschwinden wollte. Mittlerweile wird ihre äußerst dezente Amtsführung durchgehend positiv beurteilt.

Erfolg wie eine Bombe

Selbst Schneiderlin, 24, ist mittlerweile ganz froh, dass ihm Southampton im August den Wechsel verweigerte; keiner der früheren Kollegen ist bisher im neuen Verein so richtig glücklich geworden.

"Die Fans haben im ersten Saisonspiel meinen Namen gesungen und mir applaudiert", sagte der Franzose, "das hat mein Herz erwärmt. Wir spielen sehr gut und haben eine fantastische Infrastruktur. Vielleicht gelingt es uns, etwas Fantastisches zu erreichen. Falls wir die Champions-League-Qualifikation schaffen, würde im englischen Fußball eine Bombe hochgehen".

Ob es wirklich zu diesem großen Knall kommt, muss man abwarten. Im Vorjahr war Pochettino ähnlich famos gestartet; das Tempo ließ sich bis zum Saisonende durchhalten.

In der Zwischenzeit genießt man im St. Mary's jedoch ganz einfach die ungekannte Höhenluft. Seit man vor 41 Jahren Zweiter hinter dem FC Liverpool wurde, sind die Heiligen nie mehr unter die ersten Sechs gekommen.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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