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SPORT1-Kolumnist schreibt über die Furcht der Engländer vor der Bundesliga bei der Fünfjahreswertung

<strong>SPORT1</strong>-Kolumnist <strong>Raphael Honigstein</strong> beschreibt die Furcht der Engländer vor der Bundesliga und nennt deren Fehler.

Wer schon einmal eine Vorführung eines Hypnotiseurs gesehen hat, kennt den Trick: Der Mann sagt ein Wort, und schont verfällt der Versuchsproband auf der Bühne in den Dämmerschlaf.

Lange Zeit hatten zwei Wörter einen ganz ähnlichen Effekt auf James Richardson, den italophilen Host des "Guardian Podcast" (und Presenter der legendären "Football Italia"-Sendung in den Neunziger Jahren).

Jedes Mal, wenn ich ihm in einem Gespräch mit dem "UEFA coefficient" (Fünfjahreswertung) kam und darauf hinwies, dass die Serie A bald den vierten Startplatz in der Champions League an die Bundesliga verlieren würde, nickte er kopfüber weg.

Italiens böses Erwachen

Das böse Erwachen kam dann im Februar 2011. Nach Bayer Leverkusens 2:0-Sieg gegen Metalist Charkow in der Europa League hatten die deutschen Klubs im UEFA-Ranking Italien überholt.

Es gab damals nicht wenige italienische Journalisten und Blogger, die Deutschlands dritten Platz in Europa für ein vorübergehendes Phänomen hielten. Die Champions League würde die mangelnde Klasse der Bundesligaklubs bald entblößen, so das Argument.

Doch es ist anders gekommen. Die vier Startplätze haben es Schalke und Leverkusen ermöglicht, beständig zu wachsen. Zusätzlich haben Klubs aus der dritten Reihe, wie der VfL Wolfsburg oder Borussia Mönchengladbach, echte Chancen auf die Teilnahme an der Königsklasse und einen dementsprechend hohen Anreiz, nachhaltig in die Kader zu investieren.

Bundesliga winkt symbolischer Erfolg

Vor dem vierten Spieltag in den europäischen Wettbewerben ist der Vorsprung auf die Serie A auf mehr als 12 Punkte angewachsen; eine Rückkehr der Italiener auf den dritten Platz im Klassement ist in den nächsten fünf Jahren illusorisch.

Die Bundesliga könnte sogar bald die Premier League vom zweiten Platz verdrängen. Aktuell beträgt der Rückstand zwar noch 2,5 Punkte, aber Anfang 2015/16 fällt das stärkste Jahr der Briten, 2010/11 mit 18,3 Punkten, aus der Wertung.

Falls die Bundesligisten es schaffen, den kleinen Vorsprung aus den laufenden Wettbewerben (0,7 Punkte) zu bewahren, hätten sie damit die Engländer am Saisonende bereits abgehängt.

Das wäre in erster Linie ein symbolischer Erfolg, konkret kaufen könnten sich die deutschen Vereine davon nichts. Aber allein die Tatsache, dass sich die finanziell weitaus stärkere Premier League (Gesamtumsatz 2012/13: 3,45 Milliarden Euro, verglichen mit 2,17 Milliarden in der Bundesliga) wohl bald auf dem dritten Rang wiederfindet, zeigt, wie gut mittlerweile in Deutschland gearbeitet wird. Oder, im Umkehrschluss: wie schlecht auf der Insel.

Vielschichtige Gründe für Englands Krise

Englands Schwäche auf der kontinentalen Bühne hat vielschichtige Gründe. Die Europa League wird zum Beispiel von vielen Klubs nur als lästiges Zusatzprogramm empfunden; die Motivation, dort wirklich weit zu kommen, hält sich traditionell in Grenzen. Chelseas Triumph gegen Benfica im Mai 2013 war der erste englische Erfolg seit 2001 (Liverpool).

Entscheidender sind jedoch die Resultate in der Champions League. Nach dem englisch-englischen Finale von Moskau 2008 (Manchester United schlug Chelsea im Elfmeterschießen) schnitten die Klubs jedes Jahr ein Stückchen schlechter ab.

Der Tiefpunkt kam 2012/13, als es kein einziges Team ins Viertelfinale schaffte. Im vergangenen Jahr gab es dank Chelseas Teilnahme im Halbfinale wieder einen leichten Aufschwung, doch es ist zu früh, von einer Trendwende zu sprechen. Momentan sieht eher so aus, als ob Manchester City und der FC Liverpool um das Ausscheiden in der Gruppenphase fürchten müssen.

Citys Aufstieg auf Kosten der Rivalen

Warum aber ging es seit 2008 abwärts? Für jeden der damaligen "Big Four"-Klubs lassen sich individuelle Kurz-Analysen erstellen. Manchester United verkaufte das Weltklasse-Duo Cristiano Ronaldo und Carlos Tevez und versäumte, adäquaten Ersatz zu holen.

Arsenal verlor Schlüsselspieler wie Robin van Persie und Cesc Fabregas an die Konkurrenz. Liverpool kam nach der Übernahme durch amerikanische Investoren und die Demission von Trainer Rafael Benítez ins Schlingern.

Chelsea raffte sich 2012 zum Sieg in München auf, doch ohne Jose Mourinho fehlte auch den Blauen die Konstanz. Darüberhinaus wurde Manchester City plötzlich mit Millionen aus Abu Dhabiu zu einem neuen Spitzenteam aufgeblasen. Der Aufstieg der Hellblauen ging auf Kosten der Rivalen - sie mussten Spieler abgeben oder mit überteuerten Verträgen (siehe Wayne Rooney) halten - und wirbelte dazu die alte Ordnung durcheinander.

Die Deutschen sind Vorreiter

Von 2003/04 bis einschließlich 2009/10 hatten sich sieben Jahre lang die selben Big Four für die Gruppenphase qualifiziert. Diese Konstanz schaffte finanzielle und sportliche Sicherheit. City - und vorübergehend auch Tottenham Hotspur - vergrößerte den Druck in der Premier-League-Tabelle immens und konkurriert um die selben Spieler aus In- und Ausland.

Dass England vergleichsweise wenige Spitzenspieler und noch wenigere Klasse-Trainer produziert, verstärkt diesen Verknappungseffekt. Überspitzt könnte man sagen, dass den Engländern vor lauter Stress vor der eigenen Haustür ein wenig die Kraft für internationale Eroberungstouren fehlt.

Die entscheidende Frage wird sein, ob es die Klubs von der Insel zukünftig mit einer intelligenteren Einkaufspolitik und besserem Coaching wieder dorthin kommen, wo sie gemäß der Bankauszüge hingehören.

Einstweilen verbreitet jedoch die Aufholjagd der Bundesliga eine höchst unangenehme Nachricht: Die Deutschen machen (wieder einmal) mehr aus ihren Möglichkeiten.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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