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München - Erst der Sieg gegen Russland, jetzt Brasilien vor der Brust: Polster erklärt Österreichs Höhenflug, schränkt aber ein.

Von Martina Farmbauer

Österreich ist im Fußball-Fieber.

Spätestens seit dem 1:0-Sieg gegen Russland in der EM-Qualifikation sorgt die Truppe des Schweizer Trainers Marcel Koller für eine Euphorie, wie es sie schon seit vielen Jahren in der Alpenrepublik nicht mehr gegeben hat.

Drei Siege aus vier Spielen, Tabellenführer in Gruppe G, vier Punkte Vorsprung auf Platz zwei.

Besser kann es eigentlich nicht mehr werden, oder doch? Es kann! Am Dienstag darf sich Österreich im heimischen Ernst-Happel-Stadion mit Rekord-Weltmeister Brasilien messen (Testspiele ab 18.45 Uhr im LIVE-TICKER) - zum ersten Mal seit 26 Jahren.

Damals, im August 1988, stand Toni Polster noch auf dem Rasen des damaligen Praterstadions.

Bei SPORT1 spricht der ehemalige Bundesliga-Spieler über die Gründe des österreichischen Aufschwungs und die Bedeutung von David Alaba. Außerdem nimmt Polster Coach Koller in die Pflicht.

SPORT1: Herr Polster, Österreich hat sich beim 0:2 im bisher letzten Spiel gegen Brasilien im Praterstadion in Wien 1988 gut geschlagen. Aber erinnern Sie sich noch an die vielen "leeren" Kilometer, die Sie und Ihre Mannschaftskollegen gelaufen sind, weil sie sich mit dem Kurzpassspiel und der feinen Technik der Brasilianer sehr schwer getan haben?

Toni Polster: Ja, aber es war damals auch ein Spiel auf Augenhöhe. Wir waren wirklich ebenbürtig, die Brasilianer waren nur cleverer vor dem Tor als wir und haben ihre Chancen genutzt. Möglichkeiten hatten wir auch. Ich habe selbst gleich, nachdem ich eingewechselt worden bin eine Chance gehabt durch einen Weitschuss, der knapp über das Tor gegangen ist. Also, es war für uns ein guter Test vor einer tollen Kulisse. Und es war schön, einmal gegen Brasilien zu spielen, weil man das nicht alle Tage erlebt.

SPORT1: Sie waren noch in der Vorbereitung, weil Sie zu Betis Sevilla gewechselt waren und noch kein Spiel in der Liga bstritten hatten. Deshalb saßen Sie auf der Ersatzbank und sind in der 57. Minute ins Spiel gekommen...

Polster: ... eine Chance gehabt durch einen Weitschuss, der knapp über das Tor gegangen ist. Also, es war für uns ein guter Test vor einer tollen Kulisse. Und es war schön, einmal gegen Brasilien zu spielen, weil man das nicht alle Tage erlebt.

SPORT1: Österreichs heutiger Trainer Marcel Koller hat gesagt, dass er über die Brasilianische Nationalmannschaft und ihre Auftritte bei der Weltmeisterschaft 1970 zum Fußball gekommen ist. Haben Sie einen ähnlich starken Bezug zur Selecao?

Polster: Nein. Aber Brasilien hat immer für technisch feinen Fußball gestanden, für Kunststücke, für schönen und erfolgreichen Fußball. Diese Identität werden die Brasilianer auch nie aufgeben, auch wenn sie jetzt europäischer spielen als früher. Carlos Dunga hat ja eine Siegesserie gestartet, mal schauen, ob es uns gelingt, diese zu stoppen.

SPORT1: Also hat Österreich eine gute Chance, gegen Brasilien zu bestehen? Einen Sieg konnte Österreich gegen Brasilien ja noch nicht verbuchen und hat bei einer Bilanz von drei Unentschieden und fünf Niederlagen ein Torverhältnis von 4:12.

Polster: Wir sind gegen Brasilien immer Außenseiter, egal, wo man spiellt, auch wenn es ein Heimspiel ist. Nichtsdestotrotz wird es für die Mannschaft ein Erlebnis sein, gegen Brasilien zu spielen. Sie wird mit einer großen Freude und Begeisterung in das Spiel gehen. Aber wichtiger war, dass wir die Partie drei Tage zuvor gegen Russland gewonnen haben?

SPORT1: Das Freundschaftsspiel gegen den fünffachen Weltmeister ist ein Schmankerl zum Abschluss der Nationalmannschafts-Saison, der Sieg gegen Russland zählt in der EM-Qualifikation. Wo steht die Mannschaft aktuell?

Polster: Die Mannschaft ist zusammengewachsen und Schritt für Schritt besser geworden. Aber jetzt müssen wir uns auch einmal qualifizieren. Wir haben unter dem Chef Koller zwei Qualifikationen nicht geschafft, es ist es an der Zeit. Und ich würde mir wünschen, dass es als Erster oder Zweiter in der Gruppe gelingt. Als Dritter hätte für mich einen schlechten Beigeschmack, weil sich diesmal fast 50 Prozent von Europa, 24 von 54 Mannschaften, für die Europameisterschaft qualifizieren, da müssen wir dabei sein.

SPORT1: Es hat schon viele gute Spieler wie Sie gegeben. Aber ganz nach vorne hat es für die Nationalmannschaft nicht gereicht. Nennen Sie einen Grund, warum es diesmal anders ist.

Polster: Weil wir auswärts konstanter werden und auch punkten werden in der Qualifikation.

SPORT1: Hat es auch damit zu tun, dass die deutschen Profiligen so intensiv wie nie zuvor auf Spieler aus Österreich setzen? Zehn Österreicher, die in der ersten oder zweiten Bundesliga spielen, gehören zum Kader der Nationalmannschaft.

Polster: Die Bundesliga zählt zusammen mit der englischen Premier League zu den stärksten Ligen der Welt. Wenn sich ein Spieler dort durchsetzt, dann muss er eine gewisse Qualität haben und diese kommt der Nationalmannschaft natürlich zugute.

SPORT1: David Alaba ist mit 22 Jahren bereits eine feste Größe in der Star-Truppe des FC Bayern. Wie sehr wirkt sich sein Ausfall für Österreich aus?

Polster: Der FC Bayern wird sich leichter tun, ihn zu ersetzen als wir. Für uns ist er im Nationalteam fast nicht zu ersetzen. Das muss man so in der Deutlichkeit sagen, weil er von seiner Persönlichkeit her ein Leithammel ist und Verantwortung übernimmt. Er ist das Gesicht der Mannschaft.

SPORT1: Das heißt im Umkehrschluss, Österreich ist jetzt erst einmal eine Mannschaft ohne Gesicht?

Polster: Nein, das nicht. Auch andere Nationen haben manchmal auch wichtige Spieler, die verletzt sind. Ich würde als Trainer sagen: "Die Schweden haben auch zweimal auf Ibrahimovic verzichten müssen." Den Ausfall müssen wir im Kollektiv auffangen. Nur im Kollektiv geht es, weil wir einen zweiten Spieler wie David nicht haben.

SPORT1: Was ist von den aufstrebenden Rubin Okotie vom TSV 1860 München und Lukas Hinterseer vom FC Ingolstadt zu erwarten?

Polster: Die beiden haben eine tolle Entwicklung genommen. Vor allem für Okotie freue ich mich, weil er länger verletzt und weg vom Schuss war. Und sich jetzt wieder gut präsentiert, so wie wir das erhofft haben und von ihm gewohnt waren.

SPORT1: Lukas Hinterseer hatte für Ingolstadt zuletzt in drei Spielen dreimal zum 1:0 getroffen. Reichen solche Leistungen schon, um international mitzuhalten? Oder droht gegen Brasilien ein Kulturschock?

Polster: Ich glaube, dass er mit seinen Möglichkeiten auch Brasilien Schmerzen bereiten kann, falls er spielt. Er hat den nächsten Schritt getan. Die zweite deutsche Bundesliga hat ja auch viel Qualität. Sich dort durchzusetzen und Tore zu machen, das bedeutet etwas.

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