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Wayne Rooney ist jetzt ein Centurion. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein analysiert die Karriere des englischen Kapitäns.

Auf der Insel gibt es ein sehr schönes, Asterix-Lesern vertrautes Wort für Nationalspieler mit 100 Einsätzen: Centurion. Wayne Rooney fand am Samstag beim 3:1-Sieg gegen Slowenien Aufnahme in den exklusiven Hunderterklub und darf sich ab sofort mit diesem leicht militaristisch anmutenden Titel schmücken.

Mit gerade mal 29 Jahren ist der Stürmer von Manchester United der jüngste der neun Centurions in der Geschichte des englischen Fußballs. Zudem könnte er auf Sicht drei weitere Bestmarken aufstellen.

Ihm fehlen noch sechs Tore, um Rekordtorschütze Sir Bobby Charlton zu überholen. 16 Partien sind es noch, bis Rooney David Beckham (115 Länderspiele) als Rekord-Feldspieler ablöst. 26 Matches, um Rekordnationalspieler Peter Shilton abzuhängen.

Aber was sind all diese individuellen Glanzzahlen ohne einen großen Titel im Nationaldress wert? Rooney selbst hat diese Frage vergangene Woche deutlich beantwortet.

"Ich kann hier sitzen und mich über 200 Länderspiele und 100 Tore freuen, aber am Ende geht es darum, Trophäen zu gewinnen", sagte der gebürtige Liverpooler, "dafür spiele ich Fußball. Um eine Legende wie Sir Bobby wirklich zu übertreffen, müsste ich schon Weltmeister werden."

Im Grunde ist damit fast alles gesagt. Rooneys England-Karriere, die mit der fulminanten EM in Portugal vor zehn Jahren richtig begann, versprach sehr früh sehr viel, konnte aber die Erwartungen nicht erfüllen.

Nationaltrainer Roy Hodgson hat die Problematik präzise verdeutlicht. "Er war mit 19 das Wunderkind, der Retter des englischen Fußballs", sagte der 67-Jährige, "man hat ihn mit viel Aufwand auf ein Podest gehoben und dann mit ebenso viel Aufwand wieder runter geschubst, weil er nicht der Retter des englischen Fußballs gewesen ist."

Hodgson spielte damit auf die Schlagzeilen des Boulevards an, der ihn einst als "weißen Pele" gefeiert hatte und beinahe unmöglich zu erfüllende Maßstäbe an seine Leistungen anlegte.

Rooney hatte auch schlichtweg Pech. 2006 und 2010 reiste er verletzt zu den WM-Turnieren und kam nicht rechtzeitig in Schwung. 2014 tobte eine hysterische Diskussion um seinen Startplatz, einige Journalisten wollten ihn aus der Mannschaft schreiben.

Gegen Italien (1:2) musst er dann im linken Mittelfeld spielen. Er bereitete das Tor von Daniel Sturridge vor, erzielte den Treffer beim 1:2 gegen Uruguay und verpasste darüberhinaus einige Chancen.

Trotzdem war er insgesamt mit weitem Abstand Englands Bester in Brasilien. An ihm lag es jedenfalls nicht, dass sich England als taktisch äußerst naive Truppe präsentierte und haarsträubende Fehler in der Abwehr beging. Als absoluten Ausnahmespieler wird ihn in Hodgsons Elf auch so schnell niemand ablösen.

Was genau aber heißt das im internationalen Vergleich? Der "Mirror" machte eine Umfrage unter ausländischen Journalisten, um Rooneys Standing fernab der Insel zu ermitteln.

Die Meinungen fielen unterschiedlich und abhängig von den persönlichen Kriterien aus, doch allein die Fragestellung (?Ist er Weltklasse??) ist bezeichnend für die Schwierigkeit der Briten, Rooney nach all den Jahren gebührend zu verorten.

Ist er ein Mann, der seinem immensen Potenzial nie gerecht wurde oder letztendlich doch nur ein typisches Produkt der Premier-League-Hypemaschine: überschätzt und überbezahlt?

Sein Gehalt bei United beträgt übrigens aktuell 375.000 Euro - in der Woche. Macht 19,5 Millionen Euro im Jahr. Dimensionen, die sonst nur Lionel Messi und Cristiano Ronaldo erreichen.

Im Vergleich zu diesen Überirdischen fallen Rooneys Vereinsleistungen eher unspektakulär aus. Sein Spiel hat immer wieder geniale Momente, aber weder die Dynamik noch die Konstanz, um in einer Reihe mit den Allergrößten zu stehen. Fairerweise muss man auch anführen, dass Manchester United nicht Barcelona oder Real Madrid ist, schon gar nicht zurzeit.

Soviel ist unstrittig. Doch in der zum Teil unverhältnismäßigen Kritik an ihm schwingt mitunter auch ein Vorwurf mit. Hat "Wazza" - so wird Rooney in Anlehnung an Paul "Gazza" Gascoigne wirklich alles dafür getan, um alles aus seinem Talent zu machen?

Sir Alex Ferguson warf ihm öffentlich mangelnde Fitness vor. "Wenn er zwei Spiele verpasste, brauchte er manchmal vier oder fünf, um wieder die nötige Frische zu haben", schrieb der Schotte in seiner Autobiografie.

Rooney selbst gestand ein, in der Vergangenheit mit Übergewicht zum Saisonauftakt erschienen zu sein. Ein paar Mal wurde er mitten im Jahr zum Konditionstraining nach Amerika geschickt, vor der EM 2012 machte er in Las Vegas Kurzurlaub. Musterprofi? Eher nicht.

Das erklärt, warum über einen 29-Jährigen, der die großen persönlichen Bestmarken noch vor sich hat, bereits viel in der Vergangenheit geschrieben wird.

Es ist, am Ende wie bei so vielen englischen Fußballhelden, eine etwas traurige Geschichte. Rooney hat es in zehn Jahren nicht geschafft, der Spieler zu werden, der er 2004 war.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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