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Jürgen Klinsmann ist seit 2011 Nationaltrainer der USA
Jürgen Klinsmann ist seit 2011 Nationaltrainer der USA

München - Das WM-Fieber ist in den USA längst abgeebbt. Nach der Abreibung gegen Irland wird die Kritik an Jürgen Klinsmann lauter.

"Sugercoating" nennen sie in den USA die Kunst, etwas Schlechtes schönzureden.

Und Jürgen Klinsmann, der Sohn eines Bäckers, ist ja bekannt dafür, dass er Unansehnliches mit einem Zuckerguss verhüllen kann.

Nach dem peinlichen 1:4 (1:1) der US-Fußballer beim deutschen EM-Qualifikations-Gegner Irland aber konnte und wollte auch ihr Nationalcoach nichts Positives mehr erkennen. Er kritisierte. Schonungslos.

WM nicht richtig verarbeitet

"Sie", also seine Spieler, "müssen lernen, wie man eine WM verarbeitet, und viele unserer Spieler hatten Probleme, diese extremen Emotionen zu verarbeiten", erklärte Klinsmann nach der ziemlich hässlichen Niederlage im Aviva Stadium von Dublin.

Das Bemerkenswerte: Irland hatte nach dem 0:1 in Schottland in der EM-Qualifikation nur eine B-Auswahl auf dem Feld, bei den USA standen immerhin neun WM-Fahrer im Kader.

Bei der WM scheiterten die USA im Achtelfinale an Belgien (1:2 n. V.). Danach gewannen sie 1:0 in Tschechien - blieben seitdem aber inklusive der Niederlage in Dublin sieglos.

Seit Klinsmann vor drei Jahren zum Nationaltrainer berufen wurde, hat es keine derart lange Durststrecke mehr gegeben.

Woran das liegt? Viele seiner Spieler hätten nach der WM um "20, 30, sogar 40 Prozent nachgelassen" in ihren Leistungen, behauptet Klinsmann.

Krise "in gewisserweise menschlich"

"Schau dir einen Ronaldo oder einen Messi an", ergänzte Klinsmann. "Die machen drei Wochen Urlaub, kommen zurück zu ihren Klubs und wirbeln gleich wieder Staub auf. Sie spielen, als ob sie nie in Urlaub gewesen wären."

Seine Spieler? "Die kommen zurück zu ihren Klubs und verlieren ihren Stammplatz."

Dieses Nachlassen, ergänzte er in einem Anflug von Milde, "ist in gewisser Weise menschlich". Aber nicht zielführend.

Altidore: Der Biss fehlt

Einige amerikanische Beobachter stellten einen weiteren Trend fest.

Der Reporter von "ESPN" nannte es den "plötzlichen Verlust an Kampfgeist", die "Wir-geben-niemals-auf-Attitüde" sei weg - "eine beunruhigende Entwicklung".

Stimmt, sagte Angreifer Jozy Altidore: "Wenn man die letzten drei, vier Spiele ansieht, dann war der Biss, war die Mentalität nicht da. Und das ist nicht zu akzeptieren."

Und so herrscht nach dem kurzen Rausch, den die WM in den USA ausgelöst hat, nun große Ernüchterung. Und Klinsmann trägt auf seine Art seinen Teil dazu bei.

Bereits seit Wochen erfüllt er das Klischee eines unzufriedenen Schwaben: er "bruddelt".

Konflikt mit MLS-Boss

An allem und jedem mäkelt er herum, bisweilen sehr undiplomatisch. Die Niederlagen in Dublin sowie ein paar Tage zuvor in London gegen Kolumbien (1:2) scheinen ihn zu bestätigen.

Klinsmann kritisiert nicht nur an seinen Spielern herum, denen er indirekt Bequemlichkeit vorwirft: Sie spielten lieber in der nordamerikanischen Profiliga MLS als es in Europa zu versuchen.

Er hat die Qualität der nordamerikanischen Profiliga MLS infrage gestellt, was ihm heftige Kritik von Don Garber eingebracht hat.

Der Ligapräsident hält dem Nationaltrainer mehr oder weniger geschäftsschädigendes Verhalten vor.

Gut möglich, dass sich Klinsmann mit seiner Kritik in den USA ins Abseits manövriert.

"Es stimmt schon", sagt der ehemalige US-Nationalspieler und heutige Fernseh-Kommentator Alexi Lalas, "Jürgen hat keinerlei Verpflichtung gegenüber der MLS oder Don Garber. Aber wenn er denkt, er können seinen Job ohne die MLS machen, dann täuscht er sich."

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