München - Lukas Podolski landet wohl bei Inter Mailand. Dort warten eine verunsicherte Mannschaft und ein Trainer ohne festes System.

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Entscheiden 300.000 Euro über Lukas Podolskis weitere Karriere? So weit liegen der FC Arsenal und Inter Mailand angeblich noch auseinander bei einem möglichen Deal um den Nationalspieler.

Podolski will nur noch weg aus London. An so verhältnismäßig wenig Geld sollte ein Transfer also nicht scheitern. Die deutliche wichtigere Zahl ist nämlich 327.

Alle Minuten auf dem Platz zusammengerechnet für Podolski in dieser Saison. Viel zu wenig nach der Hälfte der Spiele. Nur im prestigemäßig bescheidenen Ligapokal durfte er einmal über 90 Minuten ran.

Seit der Weltmeisterschaft bekommt er auch im Verein das Bank-Feeling aus der Nationalmannschaft: sitzen wie ein Weltmeister. Bei Arsenal erträgt er das aber nicht länger.

Trainer Arsene Wenger moderiert Fragen zu seinem Linken stets weg und sagt Sachen wie "Lukas Podolski ist ein Spieler des FC Arsenal". Stimmt der Preis, wäre Wenger aber liebend gerne bereit, ihn abzugeben.

Mancini geht offensiv ran

Nach einigen Schalkes, Wolfsburgs, Dortmunds und Galatasarays ist aktuell Inter Mailand die heißeste Nummer, geht es um Podolski. Inters Trainer Roberto Mancini geht bereits sehr offensiv an die Sache heran und verkündet: "Podolski steht bei uns auf der Liste."

Mit 29 Jahren stellt sich Podolski seiner letzten großen Karriereentscheidung. Sein Vertrag bei Arsenal läuft noch bis 2016, Inter würde ihn zunächst ausleihen. Es wäre für ihn die Chance, endlich wieder regelmäßig zu spielen. Aber auch ein großes Risiko, einen großen Namen auf dem Weg nach unten zu begleiten.

Früher einmal

Denn Inter Mailand ist ein gewesener Verein. Erfolgreich, gefürchtet, verehrt, mit einer legendären Mannschaft: all das war einmal. Als Mancini zum ersten Mal Inter trainierte, galt der Klub noch etwas. Deutlich vor Erick Thohirs Zeit zwar, doch der aktuelle Präsident wusste natürlich um Mancinis Bilanz, als er Mitte November Walter Mazzarri feuerte.

Mancini schwebte ein. Ein Versprechen, dem zwei Beine gewachsen waren. Zunächst wurde es noch schlimmer: In fünf Ligaspielen holte er fünf Punkte, rutschte vom ohnehin schon peinlichen neunten auf den elften Tabellenplatz ab.

Von 2004 bis 2008 hatte Mancini den Weg bereitet für Inters Dominanz, auch begünstigt durch den Zwangsabstieg von Juventus. Insgesamt sieben Titel sammelte er damals, dreimal die Meisterschaft. Jose Mourinho führte Inter danach ins Ziel und zum Triple 2010 - danach faltete sich der Verein zusammen.

Mourinho ging auf dem Höhepunkt, der damalige Präsident und Finanzier Massimo Moratti drei Jahre später. Spieler wie Javier Zanetti, Lucio, Wesley Sneijder, Samuel Eto'o oder Diego Milito wurden schnell zu alt oder zu teuer, vernünftiger Ersatz nie gefunden.

Nur ein treffsicherer Stürmer

Bei seinem Amtsantritt hatte Mancini deshalb auch vor allem Fragen zur glitzernden Vergangenheit zu beantworten, weniger zur plumpen Gegenwart.

Heute lassen Zdravko Kuzmanovic, Gary Medel oder auch Rodrigo Palacio Inter nach Arbeit schmecken. 35 verschiedene Spieler standen in dieser Saison schon im Kader bei Pflichtspielen: Masse, aus der kaum einer heraussticht.

Einzig Fredy Guarin hat eine liebevolle Beziehung zum Ball. Und mit Mauro Icardi trifft auch nur ein Stürmer regelmäßig das Tor, immerhin zwölfmal bei 22 Partien in allen Wettbewerben.

Hier liegt Podolskis Gelegenheit: In der aktuellen Lage beißt die Konkurrenz nicht, sie bellt nicht mal. Es wäre das einzig Positive bei einem Wechsel. Inters Trend zeigt nach unten. Findet Podolski keinen Verein mit besserer Perspektive, bei dem er spielen würde?

Ziel Champions League

Oder hat ihn Mancini tatsächlich von einer erquicklichen Zukunft überzeugt? Dieser gab als Ziel die Qualifikation für die Champions League aus. Platz drei ist nur sechs Punkte entfernt - dafür bräuchte Inter aber endlich einen konstanten Punktefluss. Erst einmal in dieser Spielzeit gewann die Mannschaft zwei Ligaspiele in Folge.

Das andere große Problem: Mancini operiert seine Elf gerade an mehreren Stellen gleichzeitig. Wie das Ergebnis in der Rückrunde aussieht, weiß jetzt noch niemand genau. Neben Podolski soll auch Mario Balotelli für den Angriff kommen. Der Trainer hat das Hauptproblem seiner Mannschaft erkannt.

System oft geändert

Auch die Grundordnung hat Mancini immer wieder geändert. Unter Mazzarri spielte Inter hinten mit einer Dreierkette, was Mancini gleich in seinem ersten Spiel änderte. Davor ging es kunterbunt durcheinander, mal mit offensiven Außen, mal im 4-4-2, mal mit einer Spitze und vier Offensiven dahinter, mal nur drei und dafür zwei Sechsern. Im letzten Gruppenspiel der Europa League kehrte Mancini dann sogar zur Dreierkette zurück.

Sicherheit gibt das nicht, weder den aktuellen Spielern noch potenziellen Neuzugängen. Auch bei Inter gäbe Podolski wohl den eindimensionalen Linksaußen. Entscheidet sich Mancini für die Variante mit zwei Spitzen, wäre das Mittelfeld von Malochern geblockt, im Angriff Icardi und eventuell Balotelli erste Wahl. Wieder kein Platz für Podolski.

Dieses Risiko besteht bei vielen Transfers, doch Podolski kann sich keine persönliche Pleite mehr leisten. Ein weiteres halbes Jahr auf irgendeiner Bank wäre der Karrierekiller.

Wohl deshalb versucht er das Thema zunächst abzuflachen, dementierte am Dienstag jegliche Aussagen von ihm, die zuletzt dazu kursierten. Einen knappen Monat hat er noch Zeit. Bis dahin versucht Wenger, den Preis doch noch auf die gewünschten zwei Millionen Euro zu treiben. Und Podolski muss dem Poker zusehen, der zwischen London und Mailand läuft, zwischen Wenger und Mancini.

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