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Die FIFA-Zentrale in Zürich © Imago

München - UEFA-Boss Platini legt jede Zurückhaltung ab und bekämpft FIFA-Chef Blatter offen. Alles scheint möglich im Duell der Schwergewichte. SPORT1 blickt voraus.

Tag zwei des Dramas am Zürichsee, diesmal übernehmen die Schwergewichte.

"Ich habe gesagt: 'Hör zu, Sepp: Wir haben schon so lange zusammengearbeitet. Heute möchte ich dir sagen, bitte verlasse die FIFA. Lass es sein, tritt zurück, ich habe genug!' Ich habe es ihm ganz klar gesagt und ihm in die Augen geschaut", sagte UEFA-Boss Michel Platini über seine Konfrontation mit FIFA-Präsident Sepp Blatter. Der Schweizer weigerte sich.

In einer Sondersitzung berieten die Delegierten des europäischen Verbands kurz vor Beginn des FIFA-Kongresses über einen Boykott der Präsidentenwahl - dafür fand sich aber keine Mehrheit.

Stattdessen kündigte Platini an: "Nach der Wahl werden wir abhängig vom Ergebnis auf einem Treffen alle Möglichkeiten abwägen. Wir können mit der FIFA so nicht weiter machen."

Er hält sich also alle Optionen offen, auch einen Boykott zukünftiger WM-Turniere oder gar eine Spaltung der FIFA.

Die Entwicklung der letzten Tage hat Platini das Visier endgültig hochklappen lassen.

Jetzt ist vieles möglich. SPORT1 blickt voraus:

Wie läuft der Kongress weiter?

Die Wahl des FIFA-Präsidenten findet wie geplant am Freitag ab 9.30 Uhr statt. Platini scheiterte am Donnerstag mit einem kurzfristigen Versuch, Blatter zu stürzen. Der Schweizer schloss einen Rücktritt aus.

Wie läuft die Wahl jetzt ab?

Im Grunde wie geplant. Die UEFA beriet über einen Boykott, wird aber an der Wahl teilnehmen.

Verschiedenen Berichten zufolge hatte Prinz Ali den Delegierten der UEFA versichert, die Stimmen von mehr als 60 Delegierten außerhalb Europas zu haben.

Von den 54 europäischen Verbänden dürften die allermeisten für den Jordanier stimmen. John Delaney, der Vorsitzende des irischen Verbands, sagte: "Ob alle ihre Stimme abgeben, weiß ich nicht, ich glaube eine oder zwei werden auf dem Weg verloren gehen." Platini ging von "45 oder 46 Stimmen aus Europa" aus.

Auch wenn das womöglich optimistische Schätzungen sind: Zumindest im ersten Wahlgang wird Blatter kaum gewinnen, wenn er eine Zweidrittelmehrheit braucht. Im zweiten Durchgang reicht dann eine einfache Mehrheit.

Übrigens gibt es laut FIFA-Statuten keine notwendige Mindestanzahl von anwesenden Mitgliedern für die Gültigkeit der Wahl. Ein Boykott könnte also unter keinen Umständen Blatters Wiederwahl verhindern.

Wird Wolfgang Niersbach trotz einer Wiederwahl Blatters ins Exekutivkomitee gehen?

"Das sind innere Kämpfe, die bei mir stattfinden. Aber Stand jetzt: Wem ist damit geholfen, wenn ich sage, ich nehme die Wahl nicht an?", sagte DFB-Präsident Niersbach am Donnerstag. Der 64-Jährige war von der UEFA ins FIFA-Exko bestellt worden, damals zusammen mit dem Briten David Gill, der aber bei der wahrscheinlichen Bestätigung Blatters als FIFA-Boss am Freitag seinen Dienst nicht antreten will.

Es sei ein "Abwägen", sagte Niersbach: "Boykottiert man etwas, oder geht man ins Exko und hat die Chance, etwas zu verändern?" Die Frage eines Verzichts habe er sich aber gestellt: "Diese schwierige Frage bewegt mich, aber ich will sie sacken lassen."

Wie geht es mit den Festgenommenen weiter?

Die sieben auf Anweisung des Schweizer Bundesamts für Justiz (BJ) festgenommenen FIFA-Funktionäre warten in verschiedenen Haftanstalten im Kanton Zürich in Auslieferungshaft auf die Entscheidung, ob sie an die USA überstellt werden oder nicht.

"Auslieferungshäftlinge werden gleich behandelt wie alle anderen Häftlinge", sagte BJ-Sprecher Folco Galli SPORT1. "Wegen der Kollusionsgefahr wird der Kontakt unter den inhaftierten Fußballfunktionären unterbunden."

Bedeutet: Sie sollen sich nicht unerlaubt über ihre Aussagen absprechen dürfen.

Alle sieben widersetzen sich der Auslieferung. In diesen Fällen müssen die US-Behörden innerhalb von 40 Tagen so genannte formelle Auslieferungsersuche stellen.

Danach wird das Auslieferungsverfahren weitergeführt. Die Schweiz entscheidet, ob es hinreichende Gründe für eine Auslieferung gibt. "Die Funktionäre bleiben grundsätzlich bis zum Ende des Verfahrens in Auslieferungshaft", sagte Galli.

Dabei geht es der Schweiz zunächst nur um die Frage, "ob der im Ersuchen enthaltene Tatvorwurf auch nach schweizerischem Recht strafbar wäre", wie es in den Statuten des BJ heißt. Ob die Beschuldigten die entsprechenden Straftaten tatsächlich begangen haben, spielt keine Rolle.

Ist die Schweiz der Meinung, eine Auslieferung ist das Richtige, haben die Beschuldigten immer noch verschiedene Rechtsmittel. Bis zur Überstellung in die USA kann dann noch ein halbes Jahr und mehr vergehen.

Im anderen Fall hat die USA schlicht Pech gehabt. "Die USA sind nicht Partei im Verfahren. Sie können nicht gegen einen negativen Entscheid unseres Amtes Rekurse einlegen", sagte Galli.

Wie wahrscheinlich ist eine Auslieferung der Beschuldigten?

"Wir nehmen nicht fahrlässig Leute in Auslieferungshaft, wo eine Auslieferung offensichtlich nicht möglich ist", sagte Galli.

Im Klartext: Die Schweizer Behörden sind sich ihrer Sache recht sicher. Es wäre auch ein gehöriger Imageschaden, wenn ein derart spektakuläres Verfahren in Zusammenarbeit zwischen den USA und der Schweiz bereits an der ersten Hürde scheitert.

Was ist mit Jack Warner?

Noch ist er auf Trinidad in Gewahrsam, soll aber schon bald gegen eine Kaution von 2,5 Millionen Dollar freikommen. Auch bei ihm haben die USA die Auslieferung beantragt.

Der ehemalige FIFA-Vize musste seinen Pass abgeben und hat sich auch nach seiner Untersuchungshaft zweimal in der Woche bei der Polizei zu melden. Der nächste Gerichtstermin ist für Juli angesetzt.

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