Ein wahlkampftauglicher Brandbrief von DFB-Boss Wolfgang Niersbach, Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande als Geheimnisträger auch in Sachen Fußball, massive Kritik von Ex-Chefreformer Mark Pieth und die Unterbrechung der WM-Bewerbung 2026 - die verworrene Situation beim Weltverband FIFA sorgt weiter für Gesprächsstoff. Unterdessen wird der 16. Dezember als möglicher Termin für die Wahl eines Nachfolgers des umstrittenen FIFA-Chefs Joseph S. Blatter (Schweiz), der seinen Rücktritt angekündigt hat, immer wahrscheinlicher.

 

Der Paukenschlag des Tages war am Mittwoch jedoch Niersbach nachdrücklich formulierter Führungsanspruch in der FIFA-Debatte. "Der DFB und ich stellen uns der Herausforderung, Verantwortung zu übernehmen. Wir wollen Reformen, wir wollen Veränderungen, und wir werden sie einfordern", schrieb Niersbach in einem Offenen Brief an alle 6,8 Millionen Mitglieder des größten FIFA-Mitgliedsverbandes und forderte einen schnelleren als bisher geplanten Abgang von Blatter.

 

"In der schwersten Krise des internationalen Fußballs" legte der 64-Jährige als erster Spitzenfunktionär von Rang einen Zehn-Punkte-Plan für neue Strukturen und Regeln bei der FIFA vor. Ob gewollt oder ungewollt kann Niersbach durch das Signal der Stärke seit Mittwoch als ernsthafter Anwärter auf Blatters Nachfolge gelten.

 

Sein Freund und UEFA-Boss Michel Platini hingegen zaudert weiter. Immerhin weihte der Franzose seinen Staatschef Hollande vor einem Medientermin für die EM-Endrunde 2016 im eigenen Land in seine Taktik im FIFA-Machtkampf ein. "Der Präsident hat mich gefragt, ob ich bei der FIFA für das Amt des Präsidenten kandidieren möchte, und ich habe ihm eine Antwort gegeben", sagte Platini. Öffentlich will sich der 59-Jährige erst zu einem späteren Zeitpunkt zu seinen Plänen äußern.

 

Ob mit Niersbach, Platini oder einem anderen - einer Umfrage im Auftrag des Magazins stern erhielt "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer die höchsten Wert - an der Spitze: Nach Ansicht ihres früheren Chefreformers Mark Pieth (Schweiz) benötigt die FIFA indes künftig Organisationsformen wie ein Wirtschaftsunternehmen. Wie zum Beweis dieser Forderung rückten am Mittwoch Schweizer Behörden in Zürich an und nahmen wie vorher vereinbart Computer-Daten aus dem FIFA-Hauptquartier in Empfang.

 

"Es wäre eine Struktur vergleichbar mit einem Unternehmen notwendig - mit einem Aufsichts- oder Verwaltungsrat und einem echten Management, das die Geschäfte führt", sagte der Strafrechts-Professor von der Universität Basel im Interview mit der französischen Nachrichtenagentur AFP und warb für einen Zeitraum bis 2017 für einen erklärten Übergangspräsidenten als Verwalter des Umbaus.

 

Wie Niersbach in seiner Reform-Agenda setzt auch Pieth, der bis Ende 2013 im FIFA-Auftrag mehrere Reformpläne entwickelt hatte und danach zurückgetreten war, zur Verhinderung künftiger Missstände bei der FIFA generell auf Beschränkungen von Macht und Amtszeiten sowie zumindest "eine Überprüfung" des derzeitigen FIFA-Prinzips "Ein Land - eine Stimme".

 

Nach Pieths Ansicht würde entsprechende Maßnahmen erhebliche Schwächen in der Führung und Steuerung der FIFA nachhaltig korrigieren können: "Die FIFA hat eine quasi-diktatorische Führung, eine ultra-präsidiale ohne ausreichend Gegengewichte. Alle Leute sind zu sehr auf den Präsidenten fokussiert. Das war schon unter dem Präsidenten Joao Havelange so und noch mehr unter Blatter."

 

Der amtierende FIFA-Chef ließ am Mittwoch wegen der unübersichtlichen Lage - Ausmaß und Ergebnisse der Ermittlungen der US-Bundespolizei FBI und der Schweizer Bundesanwaltschaft sind weiter kaum absehbar - zunächst einmal den just angelaufenen Bewerbungsprozess für die WM-Endrunde 2026 wieder aussetzen.

 

Weitere Beschlüsse, teilte die FIFA mit, sollen von der Exekutive zu einem späteren Zeitpunkt diskutiert werden. Die "Regierung" des Weltfußballs, der auch Niersbach und Platini angehören, wäre laut einer FIFA-Sprecherin auch für die Bestätigung des 16. Dezember als Termin für die Wahl des neuen Verbandschef zuständig.

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