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Platini Rummenigge
UEFA-Präsident Michel Platini und Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge haben jahrelang für das Financial Fair Play gekämpft. Nun haben sie es aufgeweicht. © Getty Images

München - Die UEFA hat das Financial Fairplay so verwässert, dass Klubs jetzt wieder so viel Geld ausgeben dürfen, wie sie wollen. Ein Sportökonom erklärt, was das bedeutet.

Von Filippo Cataldo

Das Financial Fairplay (FFP) ist das Lieblings- und Prestigeprojekt von Bayern Münchens Vorstandsvorsitzendem Karl-Heinz Rummenigge und UEFA-Präsident Michel Platini. Doch mittlerweile muss man wohl fast sagen: gewesen.

Das 2009 beschlossene und 2012 eingeführte FFP soll Fußballklubs zwingen, vernünftig zu wirtschaften und den Einfluss von Investoren im europäischen Fußball zu begrenzen. Klubs, die an internationalen Wettbewerben teilnehmen wollen, dürfen demnach vereinfacht gesagt nicht wesentlich mehr Geld ausgeben als sie einnehmen. Investoren dürfen ihren Klubs zudem nur "marktübliche" Summen zukommen lassen. 

UEFA hat Regelung komplett verwässert

Doch Ende Juni hat die UEFA die Regelung so verwässert, dass sie höchstens noch als Luftnummer und nettes PR-Instrument taugt. Ab sofort dürfen Klubs, zumindest kurz- und mittelfristig, wieder so viel Geld ausgeben und so hohe Schulden aufhäufen wie sie wollen - so lange sie die UEFA vorher darüber informieren. Der Fußballverband hat eine Art Selbstanzeige eingeführt. Wenn ein Klub dem Verband vorher mitteilt, dass er durch Spielerkäufe in die roten Zahlen rutschen wird, bleibt er straffrei. Bedingung ist, dass der Klub aufzeigt, wie er wieder aus den Miesen herauskommen möchte.

"Das übergeordnete Ziel des finanziellen Fairplays bleibt unverändert, und wir gehen von einer Zeit der Sparpolitik in eine Zeit über, in der wir mehr Möglichkeiten für nachhaltiges Wachstum und Entwicklung bieten können", erklärte Platini.

Ist das wirklich so? Skepsis ist angebracht.

PSG im Kaufrausch

"Das Financial Fairplay ist tot", sagt der Sport-Ökonom Henning Vöpel zu SPORT1. Der Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschafts Instituts (HWWI) beschäftigt sich seit Jahren auch mit den rechtlichen Aspekten des FFP. Vor kurzem hat er im Rahmen einer möglichen Klage gegen die Regelung auch ein wissenschaftliches Gutachten darüber geschrieben. "Gemessen an dem, was das Financial Fairplay bewirken sollte, nämlich die Verschuldung der Klubs zu verringern und den Einfluss von Investoren zu mindern, bedeuten die jetzigen Reformen der UEFA den Tod", sagt er.

Tatsächlich sind die ersten Folgen der Reform schon spürbar. Am Mittwoch hob die UEFA die Sanktionen gegen Paris Saint-Germain auf. Der mit katarischen Geldern alimentierte Klub reagierte am Freitag mit einer Erklärung auf der Klub-Website - und kündigte eine Transferoffensive an. "Wir sind nun in der Lage, uns auf dem Transfermarkt aktiver bewegen zu können als bisher. Wir werden nun die richtigen Talente verpflichten, die unsere Mannschaft braucht", erklärte Präsident Nasser Al Khelaïfi.

Das war wohl noch vornehm ausgedrückt. PSG scheint mit aller Macht die Vorherrschaft über den Transfermarkt übernehmen zu wollen. Neben Frankfurts Kevin Trapp und Manchester Uniteds Angel di Maria sollen nun sogar Cristiano Ronaldo und Paul Pogba auf dem Einkaufszettel der Pariser zu stehen. Laut der britischen Zeitung "The Telegraph" soll PSG ein 125-Millionen-Euro-Angebot für Ronaldo an Real Madrid vorbereiten. 

Al Khelaïfis Erklärung gleicht einer Kampfansage. "Die bisherige FFP-Regeln haben uns nicht erlaubt, so schnell zu wachsen wie wir es wollten", schreibt er, "immer mehr Spieler wollen zu unserem Klub kommen. Das zeigt, wie attraktiv unser Projekt ist." Der Präsident beendet seine Erklärung mit den Worten: "Wir befinden uns erst auf der ersten Etappe."

Rechtliche Bedenken

PSG und andere superreiche Scheich-Klubs wie Manchester City können sich freuen. Doch warum hat die UEFA das FFP aufgeweicht - nur ein Jahr, nachdem und andere Klubs wegen zu großer Kauflust bestraft wurden?

"Die UEFA fürchtet, dass die Regelung vor Gericht nicht Bestand haben könnte", sagt Vöpel.

Tatsächlich hat ein Spielerberater in Belgien gegen das FFP geklagt. Das Gericht ließ die Klage zu, der Mann könnte sich an den Europäischen Gerichtshof wenden.

"Die Europäische Kommission hat bisher immer im Einklang mit der UEFA gesagt, dass die Regelung absolut wasserdicht sei. Aber jetzt versucht die UEFA offenbar, das Baby noch irgendwie zu retten", sagt Vöpel.

Zwar ist überhaupt nicht klar, wie ein Gericht entscheiden würde, doch die UEFA will es gar nicht so weit kommen lassen.

"Sie hoffen, eine Klage zu verhindern. Darum weichen sie die Regelung auf und versuchen, es sogar als Stärkung des FFP zu verkaufen. Sie können ja nicht sagen, dass das Konzept gescheitert ist. Das wäre eine kommunikative Katastrophe", sagt Vöpel.

Sogar Rummenigge begrüßt Reform

So ist es auch zu erklären, dass auch Rummenigge, gleichzeitig Chef der Europäischen Klub-Vereinigung ECA, die Neuregelung begrüßte. Offiziell. "Die neue Version der Regel entspricht in perfekter Weise den Prinzipien des Financial Fairplays, stärkt diese und entwickelt das System weiter. Deshalb ruft die ECA die Vereine dazu auf, das Financial Fairplay weiter zu unterstützen und sich im Rahmen der Regeln zu bewegen", hatte Rummenigge gesagt. Was angesichts seines jahrelangen und leidenschaftlichen Kampfes für die Schuldenbremse für die europäischen Spitzenklubs dann doch recht bizarr klingt.

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Wieso aber ist das FFP in Wahrheit mehr oder weniger schon gescheitert?

"Die Regelung ist zwei, drei Jahre zu spät gekommen. Die UEFA ist schlicht von der Realität überrollt worden", sagt Vöpel, "die tatsächliche Entwicklung steht im krassen Gegensatz zu dem, was die UEFA erreichen wollte mit der Regelung. Man wollte den Einfluss von Investoren begrenzen, doch jetzt erkennen immer mehr Klubs, dass es ohne Investoren für sie nicht mehr geht."

Als Beispiel nennt Vöpel den HSV, der sich mittlerweile für Investoren geöffnet hat, und Werder Bremen, dass dies nun vorhat. "Der HSV und Bremen haben jahrelang eine andere Politik betrieben. Doch nun öffnen sie sich oder haben es vor, um den Anschluss nicht zu verlieren", so Vöpel.

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