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Extraordinary DFB Meeting
Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach soll schon länger von dem Vertrag zwischen Franz Beckenbauer und Jack Warner gewusst haben © Getty Images

Frankfurt am Main - In der WM-Affäre gerät Wolfgang Niersbach immer mehr in den Blickpunkt. Angeblich soll der DFB-Ex-Präsident schon seit Wochen von dem Deal zwischen Franz Beckenbauer und Jack Warner gewusst haben.

Wolfgang Niersbach ein Geheimniskrämer, Helmut Sandrock ein Mitwisser.

Neue Details über das brisante Beckenbauer-Dokument werfen in der WM-Affäre ein schlechtes Licht auf den zurückgetretenen DFB-Präsidenten und erstmals auch auf dessen Generalsekretär. Derweil steht die Vorentscheidung über Niersbachs Nachfolger kurz bevor.

Schon seit Wochen, weit vor seiner Pressekonferenz, soll Niersbach der von Franz Beckenbauer unterschriebene Vertragsentwurf bekannt sein, der einen versuchten Stimmenkauf unmittelbar vor der Vergabe der WM 2006 nahelegt. Das berichteten die Süddeutsche Zeitung und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel am Donnerstag.

Vertragsentwurf bei Warner gefunden

Das Präsidium soll Niersbach darüber nicht informiert haben, auch während seines missratenen Auftritts am 22. Oktober erwähnte er das Dokument nicht. Der DFB verwies auf SID-Anfrage auf "die laufenden Ermittlungen" und gab keine Stellungnahme ab.

Laut SZ ist der Vertragsentwurf, auf dem für die Gegenseite die Skandal-Schlüsselfigur Jack Warner (Trinidad und Tobago) unterzeichnet hat, vom stellvertretenden DFB-Generalsekretär Stefan Hans in den Archiven gefunden worden. Dieser habe dann Niersbach und Sandrock informiert.

"Ich habe gehört, dass die Meldung kursiert, Stefan Hans sei schuld an meinem Rücktritt", hatte Niersbach am Mittwoch nach seinem Abschied aus der DFB-Zentrale bei Sky Sport News HD gesagt - ohne konkret auf Hans angesprochen worden zu sein: "Das ist natürlich überhaupt nicht richtig. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade er war zehn Jahre lang einer meiner wichtigsten Mitarbeiter, er hat mich konkret ausführlich informiert. Das ist mir wichtig herauszustellen."

Diverse Leistungen zugesagt

In der Vereinbarung zwischen Beckenbauer und Warner vom 2. Juli 2000 (vier Tage vor der WM-Vergabe) sind diverse Leistungen, aber keine direkten Zahlungen von deutscher Seite zugesagt worden. Es gibt laut DFB allerdings keine Erkenntnis, ob die Vereinbarung vollzogen worden ist. Interimspräsident Reinhard Rauball sagte aber zum Verdacht des Bestechungsversuches: "Das muss man so werten, dass zumindest über diese Fragen nachgedacht worden ist."

Deutschland gewann die Abstimmung des FIFA-Exekutivkomitees am 6. Juli 2000 mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika, der CONCACAF stimmte nach SID-Informationen geschlossen gegen Deutschland.

Warner bestreitet Vereinbarung

Warner bestritt bei SPORT1 dagegen zuletzt jegliche Vereinbarung mit Beckenbauer über die WM-Vergabe 2006.

"Ich hatte mit niemandem aus Deutschlands Organisationskomitee für die WM 2006 irgendeine Vereinbarung", antwortete Warner auf eine entsprechende Anfrage von SPORT1.

Und weiter: "Ich habe tausend Mal gesagt, dass ich nicht mehr über meine Zeit bei der FIFA spreche. Außerdem möchte ich mich nicht am internationalen Medienzirkus beteiligen, der mich erniedrigt und verleumdet."

Die Vorwürfe gegen Niersbach und Sandrock sind nicht die einzigen neuen Ungereimtheiten. Laut SZ wusste die Spitze des WM-Organisationskomitees bereits Anfang 2003 vom Darlehen (6,7 Millionen Euro) des früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus. Die Zeitung bezieht sich auf Notizen, Vermerke und Aufzeichnungen, die von den externen Ermittlern beim DFB gefunden wurden.

Nachfolger als DFB-Präsidenten gesucht

Demnach sollen Ex-Generalsekretär Horst R. Schmidt, der in seiner Erklärung von Herbst 2004 als Zeitpunkt erster Kenntnisnahme gesprochen hatte, Ex-Präsident Theo Zwanziger und auch der inzwischen verstorbene Gerhard Mayer-Vorfelder zu diesem Zeitpunkt schon informiert gewesen sein.

Wer den taumelnden DFB künftig führen soll, wird sich wohl schon bald entscheiden. Beim Treffen der neuen Spitze am Freitagvormittag in Paris wird die Richtung vorgegeben. Ihren Segen sollen dann am Dienstag die Präsidiumsmitglieder und die Chefs der Landesverbände geben. Die Favoriten Reinhard Grindel (54) und Rainer Koch (56) halten sich noch bedeckt.

Grindel betont, er wolle zunächst den Skandal um die WM-Vergabe aufarbeiten. "Ich konzentriere mich ganz auf die Aufklärungsarbeit und beteilige mich nicht an Personalspekulationen", sagte der DFB-Schatzmeister.

Kampfkandidatur verhindern

Der CDU-Bundestagsabgeordnete, der angeblich der Favorit zahlreicher Landesverbände ist, will aber auf jeden Fall eine Kampfkandidatur verhindern.

"Eine einvernehmliche Lösung, wie von Präsidium und Vorstand angestrebt, ist angesichts der großen Herausforderungen für den DFB der richtige Weg", sagte Grindel dem Express: "Es geht um eine Lösung, die breite Akzeptanz innerhalb von Ligaverband und Landesverbänden hat."

Wie Grindel wurde auch Interimspräsident Koch vor dem Gipfeltreffen an der Seine, bei dem er im Vorfeld des Länderspiels gegen Frankreich (ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) mit dem anderen Interimspräsidenten Reinhard Rauball und Sandrock zusammenkommen wird, nicht konkret. Dass er zugunsten von Grindel auf das Amt verzichte, wollte Koch aber nicht bestätigen.

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