SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein analysiert Felix Magaths Entlassung beim FC Fulham. Der Coach scheitert an alten Problemen.

Quark oder Käse? Diese eminent wichtige Frage treibt zur Zeit die englischen Fußballmedien um. (Und dazu die nicht minder brisante Geschichte um Gary Linekers "öbszönen" Tweet nach dem 5:3-Sieg von Leicester gegen Manchester United. Der "Match of the Day"-Moderator hatte tatsächlich das böse Wörtchen "fucking" verwendet. Shocking!)

Da Quark offiziell als eine Art von Käse firmiert, aber in englischen Supermärkten nicht allzu große Beliebtheit genießt, erklärt sich die Aufregung um Felix Magaths Heilmethode - er hatte Verteidiger Brede Hangeland das "Hausrezept Quark" für das entzündete Knie empfohlen - wahrscheinlich aus einem Missverständnis.

Ob Magath zwei Jugendspieler mit Strafen von jeweils 10.000 Pfund belegte ("entspricht nicht der Wahrheit", sagt Co-Trainer Thomas Oral) oder Spieler in seinem Büro minutenlang anschwieg, wie der "Observer" berichtete ("frei erfundener Blödsinn", sagt Magaths Medienanwalt Ralf Höcker) macht letztlich auch keinen Unterschied. Magath wurde an der Themse in erster Linie nicht gefeuert, weil er den Klub mit einer "Schreckensherrschaft" (Daily Mirror) überzogen hat, sondern weil die Resultate miserabel waren.

Der 61-Jährige war im Februar als Nicht-Abstiegs-Spezialist geholt worden, doch elf Punkte aus zwölf Spielen reichten nicht, um die Klasse zu halten. Klub-Besitzer Shahid Khan sprach ihm dennoch das Vertrauen für die neue Saison aus.

Magath holte in bewährter Magath-Manier neun neue Spieler, darunter den 14-Millionen-Euro-Stürmer Ross McCormack (Leeds United), vierzehn mussten gehen.

Ein desaströser Saison-Auftakt in der zweiten Liga mit sechs Niederlagen und einem Unentschieden in sieben Spielen ließen Khan jedoch den Glauben an Magath, den Wiederaufstiegs-Spezialisten, verlieren.

Auch die Fans hatten sich zuletzt keinen Reim mehr auf die ständig wechselnden Aufstellungen des Deutschen machen können. Magath setzte in den sieben Partien 29 verschiedene Spieler ein, aber nicht Bryan Ruiz - der WM-Teilnehmer mit Costa Rica musste mit den Reservisten trainieren.

Schon in der abgelaufenen Saison hatte sich Magath für die Gegner und eigenen Spieler als unberechenbar Taktierer erwiesen. 39 verschiedene Akteure bot er in den zwölf Partien auf; einige Jugendspieler wurden über Nacht in die erste Elf befördert und flogen dann ebenso schnell wieder raus.

"Es war sehr schwer, mit ihm zu arbeiten", sagt Hangeland, der Mann mit dem Käse- bzw. Quark-Knie. "Seine große Masche ist, seine Spieler physisch und mental fertig zu machen, um so hoffentlich Resultate zu erzielen. Passt das zum englischen Fußball? Ich denke nicht." Der Vertrag des Kapitäns aus Norwegen wurde im Sommer nach sechs Jahren aufgelöst.

Nun ist es nicht so, dass der englische Fußball nur Spielerversteher und Kumpeltypen als Coaches kennt. Aber man erwartet eine gewisse Ausgeglichenheit und auch Fairness von den Übungsleitern. Alex Ferguson, der Manchester United ein Vierteljahrhundert lang mit harter Hand führte, hatte ein gutes Gefühl für den Umgang mit der Mannschaft.

Anders hätte er sich nie so lange im Amt gehalten. Roberto Mancini, um ein Gegenbeispiel zu nennen, verscherzte es sich in der Manchester-City-Kabine, weil er den Spielern gegenüber kalt und unnahbar war, aber zugleich Mario Balotelli mit väterlicher Nachsicht etliche Vergehen verzieh.

Magath, der schon mal in einem American-Football-Shirt der Jacksonville Jaguars (gehören ebenfalls Khan) mit "Magath 10" auf dem Rücken zum Training bei Fulham erschien, fand nie einen richtigen Draht zu seinen Schützlingen - soviel lässt sich festhalten.

In der englischen Fußball-Folklore wird er bald einen Platz neben anderen gescheiterten Coaches vom Kontinent finden, deren spezielle Motivationskünste wegen sprachlicher oder kultureller Differenzen nicht zum Tragen kamen.

Man muss da an den Schweizer Christian Gross denken, der den Spielern von Tottenham einst eine Toblerone-Schokolade zeigte und dazu erzählte, dass die Saison einen langen beschwerlichen Aufstieg zum Gipfel des Berges bzw der Toblerone-Spitze sein würde.

Magath, hat als erster deutscher Trainer weder einen "Mount Magath" (wie in Wolfsburg) noch überhaupt große Spuren hinterlassen, sondern eigentlich nur Ratlosigkeit.

Neben der Quark-Käse-Problematik bleibt vor allem die Frage zu klären, ob es für die Premier League nicht besser wäre, in Zukunft verstärkt jungen englischen Trainern eine Chance zu geben, als stets vermeintliche Heilsbringer aus dem Ausland zu importieren.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel