Raphael Honigstein beschreibt den Drang der Fans, sich verkatert ins Stadion zu zwingen. Als Belohnung gibt es ein Spektakel.

An Weihnachten, dem Fest der besinnlichen Entschleunigung, geht in Großbritannien der Wahnsinn erst richtig los.

Tabellenführer FC Chelsea muss zum Beispiel binnen acht Tagen vier Mal antreten.

Am Montagabend gegen Stoke City, am zweiten Weihnachtstag (Boxing Day) gegen West Ham, 48 Stunden später gegen Southampton und am Neujahrstag bei Tottenham. Es ist ein Mörderprogramm, aber die Briten sind es so gewöhnt.

Nichts ist für sie schöner, als sich und dem Rest der noch erschöpft im Bett liegenden (christlichen) Welt die eigene Leidensfähigkeit zu beweisen. Erstens firmiert Fußball hier hoch-offiziell als Wintersport, zweitens sind Pausen was für verweichlichte Festland-Europäer.

Mit einer Mischung aus Verachtung und Belustigung blickt man auf die Bundesliga und ihre sechswöchige Pause.

Niemand will nach Truthahn-Festschmaus und Alkoholgenuss gleich wieder verkatert raus in die Kälte. Deswegen muss es sein.

"Sie ist grundsätzlicher Bestandteil des Nationalcharakters, diese triefäugige, feierliche Wanderung", schrieb der "Guardian" über den weihnachtlichen Stadionbesuch, "die Wesenseigenschaft eines umherziehenden, fröstelnden Volks, das es zu feuchten, unergiebigen Wallfahrten zieht."

Früher war der Spielplan noch irrwitziger: 1907 mussten Notts County und Birmingham vom 24. bis 27. Dezember an vier Tagen in Folge kicken, davon zwei Mal gegeneinander.

Das fanden aber selbst die eisernen Briten eine Spur ermüdend: mit jedem Spiel wurden die Tore und Zuschauer weniger. Bis 1957 wurde trotzdem auch am ersten Weihnachtstag gespielt.

Diese Ansetzungen erscheinen aus Sicht von normalen, auf der rechten Seite fahrenden Menschen äußerst kurios, sind jedoch historisch bedingt.

Der Fußball konnte nur zum Lieblingsport der viktorianischen Arbeiterklasse werden, weil die Partien an Feiertagen ausgetragen wurden. Schon die mittelalterlichen Vorläufer des Sports, an uralte, heidnische Fruchtbarkeits-Riten erinnernde Dorfkämpfe, fanden an diesen Daten statt.

Das Spielgerät war damals aus aufgeblasenen Schweinedärmen gemacht und erlaubt war fast alles, sogar ein gelegentliches Messer in den Rücken des Gegners (Es gibt Leute die sagen, es habe sich nicht viel verändert).

Religion und Ball blieben seitdem stets eng verbunden. Viele große Fußballmannschaften begannen als Kirchenteams - wie der FC Fulham zum Beispiel, der 1879 als Fulham St Andrew's Church Sunday School F.C. gegründet wurde.

Der Name "Boxing Day" hat übrigens nichts mit Boxen zu tun. Er kommt von den Fresspaketen, die früher am 26. Dezember an Arme verteilt wurden. Christliche Nächstenliebe ist jedoch auf den Plätzen und in den Stadien eher selten anzufinden.

Die extreme Häufung der Spiele führt dazu, dass sich Qualitätsunterschiede nivellieren, und der Fußball noch unberechenbarer wird. Bevor die Premier League eingeführt wurde, spielten dabei auch die schlammigen Plätze sowie die äußerst kulante Regelauslegung eine wichtige Rolle. Kuriose Ergebnisse sind so vorprogrammiert.

Ein paar Tage vor Heiligabend 2011 berichteten Augenzeugen, Man-City-Stürmer Mario Balotelli würde nachts als Nikolaus verkleidet durch die Stadt fahren und 20-Pfund-Scheine verteilen. Diese zauberhafte Geschichte erwies sich leider jedoch als ein Wintermärchen.

Üppig beschenkt werden die Zuschauer in den Stadien und an den Fernsehern in der Regel trotzdem - und zwar mit Toren. Gerade am Boxing Day fallen besonders viele Treffer. Unerreicht ist bis heute der Weihnachtsspieltag aus dem Jahr 1963. In zehn Partien landete der Ball 66 Mal im Netz.

Kein Wunder, dass auf diesen Wahnsinn niemand verzichten will.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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