Nach turbulenten Monaten giert Tottenham nach der Champions League - jetzt wartet der Angstgegner.

Nach dem 0:0 gegen Manchester United am Sonntag wurde es im Aufgang vor dem Pressbereich des Stadions an der White Hart Lane plötzlich sehr laut. Irgendwelche Menschen brüllten da herum.

Der eine oder andere Reporter zuckte bereits instinktiv sein Mobiltelefon, um die Aufregung elektronisch einzufangen. Was war da los? Wurde Man-Utd-Coach Louis van Gaal, der soeben erst das Podium verlassen hatte, von Zuschauern angepöbelt? Wollte sich ein betrunkener Besucher Zugang zum VIP-Bereich machen?

Doch als Mauricio Pochettino kurz darauf lächelnd den Saal betrat und hinter ihm noch ein paar Spurs-Fans mit erhobenen Daumen zustimmend hinterherriefen, wurde offensichtlich, dass der Spurs-Coach im Treppenhaus von wohlmeinenden Anhängern umzingelt worden war.

Auch das war im Grunde eine Sensation, zumindest eine kleine. Gute Stimmung an der Lane - und noch dazu Lob für einen Trainer - hat es bei Tottenham schon lange nicht mehr gegeben.

Zehn Punkte aus den vergangenen vier Ligaspielen haben die "Lilienweißen" zurück ins Rennen um die Champions-League-Plätze gebracht.

Vor dem Londoner Derby gegen Angstgegner Chelsea am Neujahrstag (ab 18.15 Uhr im LIVE-TICKER) - nur drei Heimsiege seit 1992 und kein Auswärtssieg bei den "Blues" seit Februar 1990, als noch ein gewisser Gary Lineker für die Nord-Londoner stürmte - sind die Spurs auf Rang sieben geklettert und liegen, was fast noch wichtiger ist, nur zwei Zähler hinter den Lokalrivalen vom FC Arsenal.

Die nach dem Abgang von Gareth Bale zu Real Madrid vor 18 Monaten für Irrsinnssummen (um die 178 Millionen Euro) zusammengekaufte Truppe scheint sich unter dem Argentinier langsam zu einer Mannschaft zu entwickeln.

2010/11 kam sie unter Harry Redknapp zum ersten und bisher einzigen Mal in die Königsklasse. In den Jahren darauf hechelte sie den Ansprüchen der Fans und von Geschäftsführer Daniel Levy beständig hinterher.

Mal war es Pech - Chelsea nahm Tottenham 2012 durch den Sieg im Finale von München den Champions-League-Startplatz weg - öfters eigenes Unvermögen bei der Wahl von Trainern und Spielern. In der Vorsaison scheiterten Andre Villas-Boas und Tim Sherwood; Levys Wunschkandidat Frank De Boer (Ajax) gab den Londonern einen Korb.

Die leidgeprüften Fans vermochten sich nur mit Humor zu helfen. Sie erfanden das Wort "spursy" - ein Adjektiv, das die Fähigkeit des Klubs beschrieb, sich selbst immer wieder im Weg zu stehen.

Auch Pochettino, der für einige Millionen von Southampton losgeeist wurde, hatte zunächst Schwierigkeiten. Vor sechs Wochen hatte der "Daily Mirror" noch den Stab über dem Team zerbrochen.

"Sie haben kein Rückgrat, können nicht verteidigen und sind fliegengewichtig im Mittelfeld", schrieb das Blatt. "Und vorne muss ein Stürmer aus der Jugendakademie den erfahrenen Männern zeigen, wie man Tore schießt."

Der angesprochene Jugendstürmer heißt Harry Kane, ist 21 Jahre alt und hat schon vierzehn Mal in den laufenden Wettbewerben getroffen. Der East-End-Junge, der als früher selbst als Fan auf der Tribüne an der Lane saß, hat sich in Pochettinos Stammelf und die Herzen der Spurs-Gemeinde gespielt - auch weil sich seine körperbetonte, ehrliche Spielweise angenehm von der Zögerlichkeit vieler ausländischer Großverdiener in den weißen Trikots abhebt.

Im lilafarbenen Keeper-Dress hat aber auch Kane keine besonders gute Figur gemacht. Beim Europa-League-Spiel gegen Asteras Tripolis musste er für die Schlussphase in den Kasten, weil Hugo Lloris die Rote Karte gesehen und Pochettino schon drei Mal gewechselt hatte.

Prompt ließ er den ersten Ball aufs Tor, einen Freistoß vom Strafraumrand, durch die Finger flutschen. Er konnte das Malheur verschmerzen. Kane hatte zuvor einen Hattrick erzielt; die Spurs gewannen 5:1.

Hinter Kane hat sich ein weiterer Mann aus der eigenen Jugend festgespielt: Ryan Mason, 23, hat 16 Jahre gebraucht, um zu einem Überraschungsstar zu werden, doch mittlerweile ist der Mittelfeldspieler nicht mehr aus der Startelf wegzudenken.

Teure Einkäufe wie Mousa Dembele oder der Brasilianer Paulinho müssen für ihn auf die Bank. Nicht zuletzt wegen der Rückkehr des englischen Elements ins Spiel der Spurs und der famosen Form von Keeper Lloris sind die Spurs nun wieder konkurrenzfähig.

Ein Heimsieg gegen den Tabellenführer wäre das passende Ausrufungszeichen hinter dem Trend der letzten Wochen, pünktlich zum Jahreswechsel. Außerdem würde er die Hoffnung befeuern, dass 2015 die peinliche, seit zwei Jahrzehnten in Nord-London wiederkehrende Prozedur vermieden werden könnte.

Die Fans von Arsenal begehen jede Saison genüsslich den "St. Totteringham's Day" - den Tag an dem die Gunners von den Nachbarn nicht mehr in der Tabelle überholt werden können. Dieses Kunststück war den Spurs zuletzt 1995 gelungen.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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