Raphael Honigstein beleuchtet in seiner Kolumne den nimmermüden Drogba. Jose Mourinho ist voll des Lobes über den Ivorer.

Jose Mourinho hätte "er ist nicht gekommen, um sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen" sagen können, aber dieses ausgeplättete Klischee wäre dem Phänomen Didier Drogba am Mittwochabend nicht gerecht geworden.

Chelseas-Trainer holte also rhetorisch etwas weiter aus und fand eine originellere, präzisere Formulierung.

Der Ivorer sei "nicht zum Verein gekommen, um auf seiner Geschichte zu schlafen", erklärte der Coach aus Portugal einem Radioreporter an Stamford Bridge.

Mit anderen Worten: die Legende lebt.

Drogba, bald 37, breitete den ersten Treffer der Blues in der 19. Minute durch Eden Hazard im Stadtderby gegen Tottenham Hotspur vor und erzielte das 2:0 drei Minuten später selbst. Endstand: 3:0.

Der Sieg des Tabellenführers gegen die Elf von Mauricio Pochettino überraschte auf der Insel niemanden - als die Spurs das letzte Mal im Stadion an der Stamford Bridge triumphierten, vor 24 Jahren, hieß der Torschütze noch Gary Lineker. Etwas unheimlich kam der Konkurrenz der letztlich mühelose Erfolg trotzdem vor. Chelsea hatte ja auf Stürmerstar Diego Costa (elf Saisontore) verzichten müssen, aber der vermeintliche entscheidende Ausfall fiel dank Drogbas überzeugender Leistung überhaupt nicht ins Gewicht.

Dem Veteranen gelang das fünfte Tor seit seiner Rückkehr nach zwei Jahren bei Galatasaray in der Türkei, "bemerkenswert" nannte Mourinho dessen tolle Retro-Show. Drogba sei "ein Mannschaftsspieler", "uneitel", ein "unermüdlicher Kämpfer" für das Team, erklärte der Coach, "genau das habe ich von ihm erwartet".

In beiden Spielzeiten zuvor war er mit Real Madrid beziehungsweise Chelsea in der Champions League zwei Mal auf Drogba getroffen, dabei habe er "gefühlt", wie groß dessen Potenzial noch gewesen sei.

Ob der Lobrede konnte man fast vergessen, dass Chelsea vor der Saison 40 Millionen Euro dafür ausgegeben hatte, um nach einigen Fehlversuchen endlich Drogbas legitimen Nachfolger zu verpflichten. "Haben Sie heute an Diego Costa gedacht?" fragte Mourinho nach dem Schlusspfiff vergnügt und schob die Antwort gleich hinterher: "Ich nicht. Wir geben anderen Leuten das Vertrauen. Wir heulen nicht, wenn jemand verletzt ist."

Das stimmt. Heulen müssen die anderen. Chelsea führt die Tabelle mit sechs Punkten Abstand an und wirkt so unbezwingbar, dass Mourinho sich nach jeder Partie fragen lassen muss, ob seine Männer es den "Unbesiegbaren" von Arsene Wengers Arsenal aus der Saison 2003/04 nachmachen und ein ganzes Spieljahr ohne Niederlage in der Liga überstehen werden.

Das Erfolgsrezept der Blauen: perfektes, auf Gegner und die jeweilige Spielsituation ausgerichtetes Coaching, starkes Man-Management und präzise Kaderplanung. Jede Neuverpflichtung hat sofort funktioniert und darüberhinaus exakt jene kleinen Probleme behoben, die Chelsea im Vorjahr möglicherweise den Titel gekostet haben.

Drogbas ablösefreies Comeback spielt dabei keine kleine Rolle, und zwar nicht nur wegen seiner Tore. Er wird auch als Führungskraft in der Kabine gebraucht, wo sich nach dem Weggang von Ashley Cole (Roma) und Frank Lampard (Man City/New York City) erst neue Strukturen bilden müssen; Petr Cech, der vierte große Leistungsträger des vergangenen Jahrzehnts, ist ebenfalls nur noch Reservist.

Umso wichtiger ist es, dass mit Drogba ein Mann da ist, der mit seinem Einsatz und vorbildlichem Verhalten auf der Bank den anderen den Weg weist. "Er zeigt den gleichen Enthusiasmus - egal, ob er von Anfang spielt oder in den letzten Minuten eingewechselt wird", freut sich Mourinho, der genau diese Art des selbstlosen Soldatentums von seinen Leuten verlangt. Fernando Torres, der mittlerweile zum AC Milan abgeschobene Spanier, konnte oder wollte das so nie leisten.

Für Chelsea war es kein Risiko, den historischen Publikumshelden als Aushilfskraft zurück zu holen, für Drogba schon eher. Er hatte sich mit dem entscheidenden Europokal-Elfmeter im Finale gegen Bayern in München auf dem Höhepunkt seines Schaffens verabschiedet; die Gefahr, den Ruf zwei Jahre später etwas zu ramponieren, war theoretisch hoch.

Mittlerweile sieht es jedoch eher so aus, als ob sich die Geschichte dank seiner hellwachen Leistungen wiederholen könnte. Das nächste Champions-League-Finale findet ja wieder in Deutschland statt.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel