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Honigstein-Kolumne-FC Liverpool-Brendan Rodgers
© SPORT1

Raphael Honigstein beschreibt in seiner Kolumne die Situation von Liverpools Trainer Brendan Rodgers nach dem Aus in der Champions League.

Vor seinem ersten Ligaspiel als Trainer von Liverpool im Sommer 2012 hielt Brendan Rodgers in der Mannschaftsbesprechung drei Briefumschläge hoch.

"Ich glaube, es gibt drei Spieler, die uns diese Saison im Stich lassen werden, was Engagement, Kampf und alles andere angeht", sagte der Nordire.

"Ich habe die Namen hier schon aufgeschrieben. Es liegt nun an Euch, sicherzustellen, dass ihr nicht diejenigen seit, die in den Umschlägen stecken."

Diesen kleinen Motivationstrick, den einst Alex Ferguson nach dem Gewinn der ersten Meisterschaft mit Manchester United 20 Jahre zuvor erfunden hatte, kann Rodgers in diesen schweren Herbsttagen leider nicht wiederholen.

Zum einen würden drei Umschläge bei weitem nicht ausreichen - zu viele Kadermitglieder erreichen momentan nicht annähernd das gewünschte Niveau. Und zum anderen hat der 41-Jährige mittlerweile verraten, dass die Umschläge in Wahrheit leer waren.

Die Szene hatte damals die amerikanische Fernsehdokumentation "Being: Liverpool" eingefangen, in der Rodgers so viele abgedroschene Phrasen aus Unternehmensführung-Seminaren ("Ich bin mein eigener Mentor, meine eigene Inspiration") und Fußball-Philosophen-Kauderwelsch ("Ich trainiere meine Spieler nicht, ich erziehe sie. Hunde trainiert man") absonderte, dass er auf der Insel so manchen unweigerlich an "David Brent", das englische Original von "Stromberg", erinnerte.

Dieses Image konnte Rodgers auch in der vergangenen Saison nie ganz ablegen, aber als Beinahe-Meister gewann er naturgemäß deutlich an Statur.

Nach dem Aus in der Champions League gegen den FC Basel (1:1) und dem enttäuschenden Saisonauftakt (Platz 9, 15 Punkte Rückstand auf Chelsea) wurde an der Anfield Road nun jedoch wieder alles auf Anfang gestellt. Mit einem unangenehmen Unterschied im Detail: Stürmerstar Luis Suarez schießt nun in Barcelona seine Tore.

"Rodgers hat (vor zweieinhalb Jahren) eine Europa-League-Truppe mit wackeliger Abwehr und einem gefürchteten Stürmer übernommen", schrieb die "Daily Mail am Donnerstag", "jetzt hat er eine Europa-League-Truppe mit wackeliger Abwehr."

Suarez' Abgang ist natürlich nicht Rodgers' Schuld. Er kann ebenso wenig dafür, dass mit Daniel Sturridge der zweitwichtigste Stürmer der Vorsaison (24 Tore in allen Wettbewerben) auf Grund von verschiedenen Verletzungen nur drei Partien bestreiten konnte.

Und auch die katastrophale Transferpolitik hat er nicht allein zu verantworten. Bei den Reds kaufte im Sommer ein "Transferkomitee" bestehend aus Rodgers, Geschäftsführer Ian Ayre, Chefscout Barry Hunter, Performance-Direktor Michael Davis und "Head of Recruitment" Dave Fallows die Spieler ein. Für 166 Millionen Euro, by the way.

Gut 100 Millionen Euro nahm man gleichzeitig durch den Verkauf von Suarez und ein paar anderen Kickern ein, aber Aufwand und Ertrag stehen hier in keinem vernünftigen Verhältnis.

Zudem soll Rodgers persönlich auf die Verpflichtung von Mario Balotelli gedrängt haben. Der momentan verletzte Italiener hat sich bisher exakt als das Gegenteil eines Königstransfers erwiesen - seine Lethargie hat die ganze Mannschaft angesteckt und das Konterspiel des letzten Jahres unmöglich gemacht.

Die schwachen, teilweise sogar konfusen Vorstellungen der letzten Wochen haben nun an der Mersey wieder grundlegende Zweifel an Rodgers' fachlicher Kompetenz geweckt.

Selbst während der Beinahe-Meister-Saison raunten In Liverpool hervorragend vernetzte Journalisten, dass hinter dem rasanten Aufschwung wenig handwerkliches Geschick des Trainers steckte. Das wollte damals allerdings niemand hören und erst recht nicht glauben.

Trainer, die Erfolg haben, werden nicht kritisiert. Tatsächlich wäre es aber nicht das erste Mal, dass ein Coach in England - oder auch anderswo in Europa - kurzfristig hervorragende Ergebnisse erzielt, obwohl er selbst kaum etwas dafür kann.

Nur ein Beispiel von (erschreckend) vielen: Avram Grant, Absteiger mit Portsmouth und West Ham, hätte als Interimstrainer mit Chelsea 2008 bekanntlich um ein Haar die Champions League gewonnen. Kapitän John Terry hielt damals die Ansprachen in der Kabine und Assistenztrainer Steve Clarke war für die Taktik zuständig, während Grant im Hintergrund beharrlich schweigend den großen Denker mimte.

Rodgers muss jetzt sehr schnell Lösungen für viele kleinere Probleme (Balotelli, Steven Gerrards Zukunft) und das allergrößte, Liverpools kollektive Stagnation, finden.

Aus Amerika ist zu hören, dass die Eigentümer des Klubs sich schon nach geeigneten Nachfolgern umschauen. Und das ist, Rodgers wird es wissen, kein billiger Motivationstrick. In dem Umschlag, den die Bosse in der Hand halten, steht wirklich sein Name. Und wenn er nicht schnellstens die Kurve bekommt, machen sie ihn zu Ende der Saison auch auf.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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