Liverpools Ikone Steven Gerrard begibt sich auf Abschiedstournee. Raphael Honigstein beleuchtet die Stationen seiner Karriere.

Für Adebayo Akinfenwa war es ein guter Abend, wahrscheinlich der schönste in seiner Karriere.

Der 32 Jahre alte Stürmer von Viertligist AFC Wimbledon erzielte beim 1:2 gegen den FC Liverpool am Montag den Treffer für die Heimmannschaft und ergatterte auch noch das Trikot von Reds-Kapitän Steven Gerrard, der zwei Mal für sein Team getroffen hatte.

Adebayo hatte seinen Mitspielern nach eigenen Worten Prügel angedroht, um sich das Shirt von Gerrard zu sichern.

Ein durchaus schlagendes Argument: mit einem offiziellen Kampfgewicht von 101 Kilogrann - es könnten auch ein paar mehr sein - gilt Akinfenwa alias "The Beast" als stärkster Kicker der Welt. Angeblich stemmt er 180 Kilogramm im Kraftraum.

In den nächsten Monaten werden sich überall in England und auch auf dem Festland (Europa League) die Gegenspieler um Gerrards Hemd reißen, denn für den 34-Jährigen hat eine Abschiedstournee begonnen.

Bereits im Oktober hatte er in einem Zeitungsinterview angedeutet, dass dies seine letzte Saison an der Anfield Road sein könnte und zugleich leichten Frust darüber geäußert, dass der Klub ihm noch kein neues Vertragsangebot unterbreitet hätte.

Ob der Klub von der Mersey die Ikone wirklich weiter an sich binden wollte - und zu welchen Konditionen - bleibt ein wenig im Unklaren, doch aus Sicht von Gerrard ist die Entscheidung nachzuvollziehen. Er wollte seinen letzten Profi-Vertrag nicht auf der Bank absitzen.

Er wird zu LA Galaxy nach Kalifornien wechseln, denn ein anderer englischer Klub kommt nach einem Vierteljahrhundert in Rot für ihn nicht in Frage.

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Meister wird er nicht mehr werden. Die Chance hatte er im Vorjahr; ein Ausrutscher gegen Chelsea machte sie zunichte. Der Gewinn des FA-Pokals, zum dritten Mal nach 2001 und 2006, wird nun als würdiger Abschluss gehandelt. Das Finale im Wembley findet an seinem 35. Geburtstag statt.

Wie groß die Emotionen im Falle dieser Traumerfüllung sein könnten, kann man sich schon heute anhand der pathosgeschwängerten Gerrard-Texte, die seit einigen Tagen in allen Blättern die Berichterstattung dominieren, ausmalen. "Er geht über Pfützen aus Tränen nach Amerika", schrieb beispielsweise der "Daily Telegraph".

Besonders viel ist von seiner Vereinstreue zu lesen; noch in den vergangenen Jahren soll er Angebote von europäischen Spitzenklubs ausgeschlagen haben. Gerne wird dabei übersehen, dass der gebürtige Merseysider aus dem Arbeiterviertel Huyton im Juni 2005 schon einmal öffentlich seinen Abschied angekündigt hatte.

"Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens", sagte er damals. Er war sich mit Chelsea über einen Wechsel einig, bevor er sich doch noch anders überlegte. "Ich war ein Nervenbündel und stopfte Aspirin-Tabletten wie Smarties in mich hinein", schrieb er später in seiner Autobiografie.

In Liverpool wurde gemunkelt, dass ihn erst Morddrohungen gegen ihn und seine Familie von stadtbekannten Gangstern umstimmten. Schon im Jahr zuvor war es nach Gerüchten um einen Transfer an die Stamford Bridge zu einem Fan-Aufstand gekommen.

Man hat ihm das Techtelmechtel mit Jose Mourinho verziehen. Vor allem dank Istanbul, dem Champions-League-Finale, das Liverpool 2005 mit seiner tätigen Mithilfe - und der von Einwechselspieler Didi Hamann - nach 0:3-Rückstand zur Pause gegen den AC Milan drehen konnte.

Ein Platz in der Ruhmeshalle ist ihm gewiss, auch ohne Meistertitel und nennenswerte Erfolge in der Nationalmannschaft.

Der Verein hat nun zwar Planungssicherheit, aber bald kein Aushängeschild mehr; niemanden, der Liverpools sehr spezielle Geschichte repräsentiert, der wirklich Teil der Familie ist. Gerrard war direkt von der Hillsborough-Katastrophe betroffen, dem Stadionunglück von 1989, bei dem 96 Fans der Reds ums Leben kamen.

Diese Ereignis hat Fans, Mannschaft und Verein zu einer Leidensgemeinschaft zusammengeschweißt, und von den Aktiven leidet niemand mehr als Gerrard. Sein zehnjähriger Cousin Jon-Paul Gilhooley war das jüngste Opfer.

Außenverteidiger Jon Flanagan (Vertrag läuft aus) und Teilzeitstürmer Rickie Lambert (32) werden nach Gerrard die letzten echte "Scouser" im Kader sein. So werden die Bewohner der Stadt umgangssprachlich genannt.

Da auch Trainer Brendan Rodgers alles andere als sicher im Sattel sitzt, droht Liverpool mindestens eine Saison ohne einheimisches Führungspersonal. Nachwuchskräfte wie Jordan Rossiter (17) und Jack Dunn (20) sind bis dahin noch nicht so weit. Das könnte zum Problem werden.

Ohne Scouser-Urgesteine in der Startelf wird man Gerrards Drive und Siegeswillen noch stärker vermissen. Kein Wunder, dass ihn sich viele Fans als zukünftigen Trainer wünschen: der Klub, den er Anfang des Jahrtausends wieder nach oben führte, bedarf vielleicht bald der erneuten Rettung.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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