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Alexis Sanchez wechselte 2014 vom FC Barcelona zum FC Arsenal © SPORT1/getty

London - Alexis Sanchez ist Hoffnungsträger beim FC Arsenal. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein erklärt, warum beim Chilenen selbst ein Shoppingtrip zur Trainingseinheit wird.

Sein Name ist Hase. Okay, nicht ganz: "Duracell" würden sie Alexis Sanchez in der Arsenal-Kabine rufen, hat in den vergangenen Tagen Sturmkollege Olivier Giroud verraten. Weil der Chilene verlässlich immer weiter läuft.

Tag für Tag, Spiel für Spiel. "Er geht nie auf den Trainingsplatz - er rennt", hat Arsene Wenger verwundert registriert. Aufgrund der hohen Belastung in den Partien wird auf der Insel unter der Woche relativ locker trainiert. Locker ist mit Sanchez, der klischeegerecht als Jugendlicher barfuß in den staubigen Gassen des Städtchens Tocopilla kickte, jedoch nicht zu machen.

"Wir hatten dort Steine als Torpfosten", berichtete er. Während seiner Zeit bei Udinese, seiner ersten Station in Europa, wird erzählt, dass er eines Tages bei einem Shopping Trip in der Innenstadt mit dem Auto seinen Schlüsselbund verlor. Anstatt telefonisch um Hilfe zu bitten, joggte er die 6,5 Kilometer nach Hause.

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Raphael Honigstein schreibt in seiner Kolumne über Alexis Sanchez und den FC Arsenal © SPORT1

18 Tore hat der 26-Jährige in der laufenden Saison schon erzielt, obwohl er bei den Gunners selten als Sturmspitze zum Einsatz kommt. "Mir gefällt die Tatsache, dass er links, rechts und vorne spielen kann, deswegen habe ich ihn geholt", sagte Wenger, "er hat sich sehr viel schneller bei uns eingefunden, als ich es mir vorgestellt hatte."

Für die Londoner, bei denen unter dem Elsässer wenig systematisch gegen den Ball gespielt wird, ist so eine technisch beschlagene, unheimlich schnelle und vor allem zugkräftige Nervensäge in der Offensive ein absoluter Glücksfall. In der Champions League soll er diese Qualitäten ausspielen. Dort empfängt der FC Arsenal im Achtelfinal-Hinspiel den AS Monaco (ab 20 Uhr LIVE im Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER).

Auf Alexis Sanchez kommt eine besondere Rolle zu: Ähnlich wie Luis Suarez in der Vorsaison beim FC Liverpool reißt auch er die Kollegen mit seinem Eifer und Einsatz mit - ohne dass er gelegentlich Gegenspieler anknabbert. Dieser unbedingte, aber stets kontrollierte Wille tut dem mitunter etwas blutleeren Spiel von Wengers Elf unheimlich gut.

Der 40-Millionen-Euro Einkauf ist von den fußballerischen Anlagen her ein typischer Arsenal-Spieler, aber mit der bedingungslosen Umsetzung seines Könnens würde er auch gut in José Mourinhos Chelsea-Ergebnismaschine passen. Im Emirates ist er natürlich schon zum Publikumsliebling avanciert. Er steht für ein Arsenal, dass sich von den Großen nicht so einfach vom Platz spielen lässt und, so hofft man, für eine neue Einkaufspolitik.

Arsene Wenger (l.) beobachtet Alexis Sanchez im Training
Arsene Wenger (l.) beobachtet Alexis Sanchez im Training © Getty Images

Anstatt wie in den vergangenen Jahren bis spät in den August hinein zu zaudern und um vermeintliche Schnäppchen zu feilschen, hat Wenger den Südamerikaner gleich vom Fleck weg während der WM in Brasilien verpflichtet. 

Die Eile war geboten, weil Sanchez auch ein Angebot vom FC Liverpool vorliegen hatte. Die Reds wollten ihn dort als Nachfolger von Suarez und hatten dem Vernehmen nach sogar höhere Bezüge geboten. Arsenals Teilnahme in der Champions League und wohl auch die große südamerikanische Gemeinde in der britischen Hauptstadt gaben den Ausschlag.

"Manchmal geht ein Spieler zu einem Klub, zu dem er nicht wirklich will", sagte Wenger, "in diesem Fall wollte er wirklich zu uns". Der 65-Jährige hatte im Vorjahr noch um Suarez gebuhlt, hat nun aber die weitaus pflegeleichtere Version ergattert. 

Wengers Glück war, dass der Chilene in drei Jahren beim FC Barcelona nie richtig Fuß fasste. Der Klub kam wegen der schnellen Trainerwechsel nicht zur Ruhe, und der nach seiner Ankunft aus Italien als Wunderkind gehandelte Alexis hatte zudem Mühe, sich mit seiner Aufgabe als Rollenspieler hinter beziehungsweise neben Lionel Messi zu arrangieren. Mit der Kommunikation haperte es auch ein wenig.

Pete Jenson, der Spanien-Korrespondent der Daily Mail erinnert sich, dass sie Mitspieler ihm den Spitzname "Cachai" verpassten, chilenischer Slang für "Verstehst Du?". Damit sprach er ständig seine Teamkameraden an. Wirklich verstehen konnten sie ihn wegen seines starken Dialekts jedoch nicht immer.

Alexis Sanchez (l.) im Trikot des FC Barcelona
Alexis Sanchez (l.) wurde im Trikot des FC Barcelona nie richtig glücklich © Getty Images

Bei Arsenal lässt man Spielern wie ihm dagegen traditionell freien Lauf. Er muss sich nicht so streng an Positionen halten, und braucht deswegen nicht so viel reden, er kann sich ungezwungen bewegen. Zuletzt hat Mesut Özil nach seinem Wechsel im Sommer 2013 bei den Gunners derart schnell die Statik des Spiels verändert.

In dieser Parallele steckt allerdings auch ein wenig Sorge. Özil kam nach einer sensationellen Hinrunde in den Wintermonaten aus dem Tritt und hat nach mehreren Verletzungen erst in den letzten Wochen an seine ursprünglichen Leistungen angeschlossen.

Sanchez wirkte in den vergangenen Partien ein wenig müde, seit Mitte Januar hat er nicht mehr getroffen. "Er hat nicht die gleiche Intensität in seinem Spiel", sagte Wenger nach dem 2:1-Sieg gegen Leicester vor vierzehn Tagen. 

Nun, in den entscheidenden Matches der Saison, muss sich zeigen, ob Sanchez' Elektromotor auch im harten englischen Winter funktioniert. Angst, dass sich das Duracell-Häschen beim Duell gegen "das bissige Reptil Monaco" (Wenger) wie ein Kaninchen vor der Schlange steht, muss man sich jedoch definitiv nicht machen. Stehen kann er ja gar nicht. Cachai?

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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