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Jürgen Klopp und die Premier League
Jürgen Klopp ist auch auf der Insel ein gefragter Mann © SPORT1/Getty

In der Premier League ist Jürgen Klopp seit langem begehrt. Nun wäre der Weg nach England frei, doch der Arbeitsmarkt für Top-Trainer war dort schon mal besser.

"In the Klopp Window", titelte die Sun am Donnerstag, frei übersetzt: Klopp steht im Schaufenster. Das umreißt, ganz abgesehen von dem gelungenen Wortspiel (shop window), ganz gut die aktuelle Situation für den 47-Jährigen auf der Insel.

Raphael Honigstein
Raphael Honigstein sieht die Arbeit von Arsene Wenger beim FC Arsenal und Manuel Pellegrini bei Manchester City kritisch © SPORT1

Der Deutsche gilt den Briten als internationale Luxus-Marke, die sehr viele grundsätzlich wollen, aber momentan nicht unbedingt viele brauchen. Anders als vor zwölf Monaten, als Klopp die Avancen von Manchester United mit einer öffentlichen Liebesbekundung zum BVB abwehrte ("unser Bund ist unzertrennlich"), gibt es dieses Frühjahr (bisher) kein offensichtliches Angebot eines großen Klubs.

Von den englischen Gazetten nur halbherzig ins Spiel gebrachte Mittelklasseklubs wie Newcastle United oder West Ham United dürften für den Schwaben kaum in Betracht kommen. Er will dem Vernehmen nach nicht unterhalb der Champions League coachen. 

Kein Bedarf bei Chelsea und Arsenal

Chelsea, der designierte Meister, hat mit Jose Mourinho seinen Lieblingstrainer schon auf der Bank. Der Portugiese enttäuschte Arbeitgeber Roman Abramowitsch zwar ein neuerliches Mal in der Königsklasse (Aus gegen PSG im Achtelfinale), doch der russische Eigentümer strebt derzeit keine Veränderung an. Arsenal? Seit Jahren wird Klopp aus nicht immer ganz nachvollziehbaren Gründen als der logische Nachfolger von Arsene Wenger gehandelt.

Der Franzose macht allerdings überhaupt keine Anstalten, sich nach knapp 18 Jahren im Job aufs Altenteil zurück zu ziehen, beziehungsweise eine ruhigere Stelle als Sportdirektor anzutreten. Als Favorit auf den neuerlichen Pokalsieg und Zweiter in der Tabelle sitzt Wenger so sicher im Sattel wie seit vielen Jahren nicht.

Die Fanproteste aus den Wintermonaten muten wie ein böser Traum an. Die Idee, dass der Elsässer von sich aus den Weg frei für einen jüngeren Coach machen könnte, ist ein Hirngespinst, das nur erklärte Wenger-Gegner wie der englische TV-Moderator Pierce Morgan als ernsthafte Option betrachten. 

Van Gaal fest im Sattel

Manchester United ist mit Louis van Gaal sehr glücklich. Der Niederländer scheint den schwierigen Umbruch allmählich zu meistern, die direkte Qualifikation für die Champions League ist in Reichweite. Die Red Devils streben Kontinuität auf dem Trainerposten an. Van Gaal wird trotz seiner durchaus streitbaren Art auf jeden Fall im nächsten Jahr der Trainer bleiben, höchstwahrscheinlich auch darüberhinaus. 

Somit bleibt von den Champions-League-Vereinen nur Manchester City. Der Klub von Scheich Mansour aus Abu Dhabi passt nicht unbedingt zum Emotions- und Publikumstrainer Klopp, aber er hätte die finanziellen Möglichkeiten, unter dessen Anleitung eine neue, jüngere Mannschaft aufzubauen, die endlich auch in Europa Fortschritte macht.

Als Projekt und Herausforderung bleibt City für Spitzencoaches verlockend, auch weil die Bezahlung stimmt. Ein Jahresgehalt um die sieben, acht Millionen Euro kann auch Fußballromantiker schwach machen. 

City ein großes Fragezeichen

Die Frage ist jedoch, inwiefern City tatsächlich Bedarf nach einem Boss hat. Manuel Pellegrini genießt nicht mehr das volle Vertrauen der Klubführung, aber falls Wunschtrainer Pep Guardiola 2016 zu haben sein würde, würde man eventuell in ein letztes Jahr mit dem Chilenen gehen. Alternativ dazu stünde Patrick Vieira als (Übergangs-)Lösung bereit. Der Franzose hat zwar keine Erfahrung als Chefcoach, ist aber intern als Fachmann sehr angesehen.

Nun muss man abwarten, ob die Verfügbarkeit von Klopp auf dem Markt City zum Umdenken bringt. Kompliziert wird die Situation zusätzlich durch die Tatsache, dass der Verein im Sommer einen Umbruch anstrebt, der eventuell sehr radikal ausfallen könnte. Nicht nur der halbe Kader steht zur Disposition.

Auch die beiden Katalanen Feran Soriano (Geschäftsführer) und Txiki Begiristain (Sportdirektor) sehen nach vielen Fehlern in der Transferpolitik ungewissen Wochen entgegen. Es kann also dauern, bis der Verein weiß, wen und was er in der nächsten Saison will.

Klopp für Liverpool ein Thema

Da Tottenham mit Mauricio Pochettino mehr oder minder zufrieden ist, bleibt nur noch der FC Liverpool als mögliche Station übrig. Brendan Rodgers wird die Champions League verpassen, kann aber noch den FA Cup gewinnen. Er muss den amerikanischen Eigentümern fundiert erklären, warum mit dem Kader nicht mehr drin war.

Blackburn Rovers v Liverpool - FA Cup Quarter Final Replay
Brendan Rodgers steht beim FC Liverpool unter Druck © Getty Images

Die Tendenz geht wohl dazu, dem Nordiren eine weitere Spielzeit zu gewähren, seit Mittwochmittag ist die Luft für ihn aber deutlich dünner geworden. Die Reds hatten in den vergangenen fünf Jahren schon zwei Mal versucht, Klopp als Trainer zu gewinnen, weil seine Arbeitsweise in das Profil der Investoren passt. Sie wollen einen Coach, der Spieler und Mannschaften entwickeln kann, und nicht nur nach teuren Neuverpflichtungen schreit. Andererseits kann Liverpool nicht mit Champions-League-Fußball aufwarten. 

Klopp wird, wenn die Reise unbedingt zu einem Top-Klub in der Premier League gehen soll, vermutlich noch ein bisschen abwarten müssen. Aber irgendwann wird ein Kunde sicherlich zugreifen, auch wenn es bis zum Herbst dauern sollte. Es gibt auf dem Markt keinen anderen verfügbaren Trainer seiner Klasse. Solche Leute bleiben in England, wo das Geld sehr locker sitzt, nie lange im Schaufenster stehen. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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