vergrößernverkleinern
Arsene Wengers ehemaliger Schützling Cesc Fabregas (l.) spielt seit Beginn dieser Saison für den Stadtrivalen FC Chelsea © Imago

Diesmal sorgt nicht die Dauerfehde der beiden Trainer für Brisanz im Londoner Derby, sondern Cesc Fabregas. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein klärt auf.

Es ist ein Spiel ohne den ganz großen Druck für den FC Arsenal.

Die Nord-Londoner haben eine Partie weniger als Manchester United und Manchester City absolviert und bleiben deswegen auch im Falle einer Niederlage am Sonntag Favorit im "kleinen" Rennen um den zweiten Platz hinter Chelsea.

Die Gunners schlossen zuletzt 2004/05 eine Liga-Saison so gut ab. Dazu stehen die Chancen auf einen neuerlichen FA-Cup-Sieg im Wembley-Stadion recht gut. Gegner Aston Villa ist Ende Mai krasser Außenseiter. Selbst die größten Kritiker von Arsène Wenger werden im Erfolgsfall nicht umhin können, das Spieljahr als deutlichen Fortschritt, wenn nicht gar sogar als Rückkehr zu alter Stärke zu rühmen.

Gerade weil für Arsenal grundsätzlich alles gut bis besser als erwartet läuft, kommt das Derby gegen den designierten Meister von der Fulham Road am Sonntag aber eher ungelegen. Weil mit den Blauen ein Mann ins Emirates zurückkehrt, der Wengers mitunter schwer nachzuvollziehende Manöver auf dem Transfermarkt verkörpert: Cesc Fàbregas.

Raphael Honigstein
Raphael Honigstein beleuchtet die Brisanz um Cesc Fabregas © SPORT1

Barcelona hatte, gemäß einer vertraglichen Verpflichtung, Arsenal im Sommer eine Woche lang Zeit gegeben, José Mourinhos 37-Millionen-Euro-Angebot mit einer gleichwertigen Offerte zu kontern. Aber Wenger ließ die Frist verstreichen und rief den spanischen Mittelfeldspieler, so wird es kolportiert, nicht einmal an. "Er wollte mich nicht", verkündete der in der Arsenal-Akademie groß gewordene 27-jährige Fabregas nach seiner Unterschrift bei den West-Londonern recht enttäuscht.

In der Zwischenzeit hat Wenger mit Francis Coquelin (mehr oder minder zufällig) zwar einen Mann für die Zentrale gefunden, doch mit dem Weltmeister als Spielmacher wäre die Saison vermutlich noch etwas besser ausgefallen. Wochenlang verwünschten die Arsenal-Fans zu Beginn der Spielzeit den Coach und seine Sturheit. Er hatte zwar Alexis Sanchez für die Offensive geholt, aber schon wieder nicht den schon seit Jahren dringend benötigten Spitzenspieler zwischen den Strafräumen.

Auf diese Personalie angesprochen, zeigte sich der Elsässer am Donnerstag bedeckt. Es bringe nichts, über die Gründe für Fabregas' verhinderte Rückkehr zu sprechen, sagte er. Wenger bedauere in erster Linie, dass der Spieler 2011 zurück zu seinem Heimatverein Barcelona gegangen sei. Ob er ihn tatsächlich nicht gewollt habe, wurde er in der separaten Runde von Pressevertretern gefragt. "So eindeutig kann man das nicht sagen", entgegnete der 65-Jährige. Tja, warum nicht?

Wengers kryptische Antwort passt zu einer Version der Geschichte, über die gut informierte Kreise in Islington hinter vorgehaltener Hand schon länger tuscheln. Weder Wenger noch Fabregas hätten das Comeback an alter Wirkungsstätte torpediert, sondern der Arsenal-Vorstand, so das Gerücht.

Dabei soll es auch gar nicht um sportliche Dinge gegangen sein, sondern allein ums Prinzip: Angeblich wollte der Verein partout nicht mit Fabregas' Berater Darren Dein ins Geschäft kommen. Dein, der Sohn des ehemaligen Arsenal-Vizepräsidenten David Dein, hatte Fabregas' Transfer nach Barcelona eingefädelt und dazu noch über die Jahre hinweg zahlreiche andere Gunners wie Thierry Henry (Barca), Emmanuel Adebayor, Gaël Clichy (beide ManCity) und Robin van Persie (Man United) bei anderen Klubs untergebracht. Zum Unwohl der Vereinsbosse, versteht sich.

Wie auch immer die Sache gelaufen sein mag - unter dem Strich wird Fabregas bei Chelsea gleich im ersten Anlauf jenen englischen Meistertitel gewinnen, der ihm in acht Jahren bei Arsenal nicht vergönnt war - 2003/04, als Wengers "Unbesiegbaren" die Liga gewannen, fehlten ihm die nötigen Einsätze, um eine Medaille zu bekommen. "Wir haben Cesc unser Projekt erklärt. Ein gutes Projekt heißt normalerweise, Titel zu gewinnen", sagte José Mourinho am Freitag genüsslich.

Trotz Wengers Schubser in der Coachingzone beim 2:0-Sieg der Blues im Hinspiel verzichtete der Portugiese dieses Mal jedoch auf zusätzliche Sticheleien. Dafür fühlt er sich momentan wohl zu überlegen. Mourinho musste Wenger gar nicht an dessen katastrophale Bilanz in den persönlichen Duellen erinnern, das erledigten vor dem Spiel die englischen Reporter für ihn. "Ich habe ja nicht zwölf Mal verloren", verteidigte sich Wenger, "es war oft eng." Das stimmt. Aber kein einziger Sieg  (sieben Niederlagen, fünf Unentschieden) in zwölf Versuchen ist eben auch kein Zufall.

Die Ergebnisse zeigen auf schmerzvolle Weise, was Wenger in den vergangenen Jahren eklatant fehlte: Ein verlässliches Konzept für schmutzige Siege gegen direkte Konkurrenten. Man darf gespannt sein, ob der erklärte Angriffsfußball-Verfechter sich zukünftig etwas mehr für das Spiel ohne Ball interessieren wird. Selbst die größten Wenger-Fans sind sich da jedoch nicht so sicher.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel