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Steven Gerrard begann seine Karriere in Liverpool im Jahr 1989
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Raphael Honigstein beleuchtet in seiner Kolumne den Abschied von Liverpool-Legende Steven Gerrard. Dieser lief anders ab als vorher geplant.

Von Raphael Honigstein

Nirgends wird der Fußball besser verkauft als auf der Insel - doch an die Geschichten, die ihm die Leute aus den Marketingabteilungen vorschreiben, hält er sich zum Glück trotzdem auch hier nicht immer. 

Am 30. Mai, der eine oder andere wird sich vielleicht erinnern, war im Wembley-Stadion beispielsweise offiziell das große Steven-Gerrard-FA-Pokal-End-Geburtstags-Abschieds-Spiel-terminiert, doch der Kapitän der Reds wird seinen 35. an jenem Samstag im kleineren Kreis feiern müssen. Aston Villa, die Elf aus den Midlands, hatte den FC Liverpool mitsamt Stevie G unverschämterweise im Halbfinale ausgeschaltet. 

Am vergangenen Samstagabend hatten sich die Kollegen von Sky die Sache ebenfalls ganz anders vorgestellt. Steven Gerrards letztes Match im Stadion an der Anfield Road wurde als Herzschmerz-Gala inszeniert. Der Mittelfeldspieler gab während des Aufwärmens ein Live-Interview, seine kleine Tochter kam auch zu Wort.

Die Gegner von Crystal Palace aber hatten keine Lust, die ihnen zugedachte Rolle als Fallobst zu spielen. Die Londoner gewannen 3:1, und Gerrard machte eine Partie, die mit "dezent" sehr höflich umschrieben ist. Schon im Vorjahr lief es am Ende der Spielzeit ganz anders, als es vorgesehen war.

Sämtliche Zeitungen hatten sein Liverpool drei Partien vor Saisonende schon zum ersten Titel seit 1990 geschrieben, doch ausgerechnet Gerrard leitete mit seinem Ausrutscher eine 0:2-Niederlage ein, die Manchester City den Weg bahnte. Beim 1:2 gegen Uruguay in der Weltmeisterschaft in Brasilien war es sein Fehler, der Englands Aus in der Gruppenphase besiegelte.

Diese kleinen Diskrepanzen zwischen Wunschvorstellung und Realität zum Abschluss von 17 Jahren mit 709 Spielen im Trikot von LFC werden seinen Status als Klubikone natürlich nicht im geringsten schmälern. Aber sie erklären ein wenig, warum es aus neutraler Sicht so unheimlich schwer fällt, Gerrard objektiv korrekt zu beurteilen.

Wie bei fast allen Stars seiner Generation -  Scholes, Beckham, Lampard, Giggs - ist es kompliziert zu entscheiden, wo Heldenverehrung aufhört und Verklärung anfängt. Kann, um es auf den Punkt zu bringen, ein Spieler als einer der Größten aller Zeiten in die Annalen eingehen, der beim ehemals erfolgreichsten Verein der Liga nicht ein Mal Meister wurde und unter anderem als Spielführer die schlimmsten Turnierleistungen in der Geschichte der englischen Nationalmannschaft mitverantwortet hat? Als Vizekapitän scheiterte er 2008 sogar schon in der EM-Qualifikation. 

Die großen Enttäuschungen, die das Team mit den drei Löwen auf der Brust dem Land seit Jahrzehnten zumutet, haben die führenden Vereine zu gefühlten Nationalmannschaften gemacht.  Das gilt für den FC Liverpool ganz besonders. Scousers, die Menschen, die an der Mersey wohnen, pflegen ihre eine ganze eigene Identität, die durch große Arbeitskämpfe in den Achtziger Jahren (gegen die Regierung von Margaret Thatcher) und die Hillsborough-Stadionkatastrophe von 1989, bei der 96 Fans ums Leben kamen, zusätzlich geprägt ist.

Und Gerrard spürt den nie vergangenen Schmerz und den Zorn auf die Behörden, die fälschlicherweise den Anhängern die Schuld gaben, wie kein zweiter im Team: sein Cousin Jon-Paul Gilhooley war mit seinen zehn Jahren das jüngste Opfer in Sheffield. Man sah ihn in all den Jahren nur selten auf dem Platz lachen. Fußball war nie Spaß für ihn, die Wandlung vom Fan auf der Tribüne zum Antreiber auf dem Platz nicht die Erfüllung eines Traumes, sondern eine schwere Bürde.

Selbst in der Nacht seines größten Triumphes, dem Gewinn der Champions League 2005 gegen Milan, nach einem 0:3-Rückstand zur Pause, saß er in hinterher unglücklich in einer Istanbuler Hotel-Lobby und stocherte in einem Stück Kuchen herum. Er stand vor dem Abschied zum FC Chelsea, änderte aber seine Meinung, als Liverpool ihm ein verbessertes Vertragsangebot machte und in der Stadt Druck auf ihn und seine Familie ausgeübt wurde. 

In England hat der gewaltige Hype um die Liga den Menschen eingeredet, dass Fußball erst 1992 mit der Gründung der Premier League anfing. Gerrard wird über seinen Wechsel in die USA zu LA Galaxy hinaus allein schon deshalb für ewige Zeiten als Halbgott in Rot gefeiert werden, weil niemand unter 40 Männer wie Kenny Dalglish oder Graeme Souness, die Liverpools Aufstieg zum erfolgreichsten Klub Europas Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger begründeten, persönlich spielen sah.

Für diese zu spät Geborenen ist der treue Stevie G mit seiner Wucht, dem unbändigen Drive und dem einen oder anderen enorm wichtigen Traumtor ganz zwangsläufig eine Legende. Mit ein wenig emotionalem Abstand betrachtet, erkennt man allerdings, dass er auch in anderer Hinsicht sehr gut zum Symbol für Englands Fußball in den Nuller- und Zehner-Jahren taugt: Gerrard spielte stets mit dem Herzen, aus dem Bauch heraus, wie jene Fußballhelden in den Comics, die alleine 80 Meter über den Platz rennen, um einen Hattrick in den letzten fünf Minuten zu erzielen.

Das kontrolliertere, Tempo variierende Spiel der vielen ausländischen Könner in der Prem hat nie auf ihn abgefärbt. Er war ein Old-School-Draufgänger, in einem Land, das sich von Old-School-Draufgänger-Fußball nicht loszusagen vermag. Besser als er konnte das niemand. Das war - und bleibt wohl - das Problem.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in seiner wöchentlichen Kolumne über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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