vergrößernverkleinern
Stets kritisch beäugt: Louis van Gaal (l.) und Bastian Schweinsteiger © SPORT1 Grafik Gabriel Fehlandt

London - Raphael Honigstein erklärt in seiner SPORT1-Kolumne wie Schweinsteiger von den englischen Medien wirklich wahrgenommen wird. In der Kritik steht nicht er, sondern ein Anderer.

Von Raphael Honigstein

"Für einen Witz machen sie Hackfleisch aus Spielern und Mannschaften", berichtete Bild-Reporter Werner Pietsch während der Weltmeisterschaft 1966 mit einer Mischung aus Verwunderung und Abscheu über den rauen Umgangston in den englischen Gazetten.

Knapp 50 Jahre später hat sich nicht viel geändert. Die Kollegen auf der Insel hauen im Zweifel noch immer eine Spur härter in die Tasten, und ins Deutsche übersetzt klingen die im Original meist nicht ganz ernst gemeinten, oft auch nur auf den Wortwitz abzielenden Boshaftigkeiten dann wie vernichtende Urteile.

Nachsicht und Geduld

Alle deutschen Spieler  - Michael Ballack, Jens Lehmann Lukas Podolski, Per Mertesacker und nun aktuell Bastian Schweinsteiger - mussten beziehungsweise müssen sich an diese Dynamik erst gewöhnen.

Vor allem an die Tatsache, dass kritische Zwischentöne wie die der Daily Mail nach Manchester Uniteds 0:0 gegen Newcastle United am Samstag (“Schweinsteiger hat immer noch viel Klasse, aber nicht mehr die Beine, um ein Spiel zu dominieren. Er ist entweder nicht schnell oder nicht fit genug, um ein Matchwinner zu sein”) durch die Verbreitung der Nachrichtenagenturen in der Heimat so laut knallen, dass der Eindruck entsteht, der Münchner würde in Manchester schon früh morgens beim ersten Espresso von hundert wütenden, vor seiner Wohnung kampierenden United-Fans wegen seinen miserablen Leistungen angebrüllt.

In Wahrheit ist die Stimmung auf der Insel eher von Nachsicht und Geduld gegenüber dem 31-Jährigen geprägt. Louis van Gaal hat mit dem Hinweis auf die mangelnde Fitness des Nationalmannschaftskapitäns und mit den genau dosierten Einsatzzeiten für den Mittelfeldspieler früh Druck aus der Personalie genommen. Schweinsteiger kam zwar als Weltmeister, aber eben nicht als 70 Millionen Euro Mann wie der kürzlich entflohene Angel Di Maria ins Theater der Träume; dementsprechend werden von ihm aktuell keine Wunderdinge erwartetet.

SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein © c1photography

Van Gaal im Zentrum der Kritik

Nicht er steht im Gegenwind der öffentlichen Meinung, sondern wenn überhaupt van Gaal, der in seiner zweiten Saison beim Rekordmeister noch immer kein echtes Tempo ins Angriffsspiel der Roten bekommt.

Bei der Newcastle-Nullnummer schienen sogar die eigenen Fans von den endlosen Passstafetten gelangweilt; immer öfter wird nostalgisch an den Sturm-und-Drang-Fußball von Alex Ferguson erinnert.

Selbst van Gaal musste vor dem eminent wichtigen Rückspiel gegen Club Brügge in der Champions-League-Qualifikation einräumen, dass sein Team zurzeit “ohne Ball besser” sei. Das Spiel mit der Kugel müsse sich gehörig verbessern. Für den erklärten Ballbesitz-Fetischisten klang das nach einem ein ziemlich drastischen Eingeständnis.

Schweinsteiger kann in Normalform die Geschwindigkeit einer Partie bestimmen, doch das Hauptproblem ist momentan bei weitem nicht die Zentrale. United krankt am mangelnden Durchsetzungsvermögen im letzten Drittel. Wayne Rooney sollte eigentlich die bestimmende Figur der Saison sein, doch der englische Nationalstürmer ist seit zehn Spielen ohne Treffer und so rätselhaft ineffektiv, dass Kollege Chris Smalling bereits Fragen nach Waynes psychischer Verfassung beantworten musste. Nein, Rooney habe nicht sein Selbstvertrauen verloren, antwortete der Verteidiger diplomatisch, “man sieht ja, dass er weiter die Wege geht und sich Torchancen erarbeitet”.

Özil nimmt Schweinsteiger in Schutz

Im worst case, dem vorzeitigen Aus in der Königsklasse würde man in England also nicht auf Schweinsteiger, sondern zuallererst mit dem Finger auf van Gaal, auf Rooney und vielleicht auch auf Geschäftsführer Ed Woodward zeigen, der nach einigen Erfolgen auf dem Transfermarkt wieder akut Gefahr läuft, sich mit vergeblichen Bemühungen um Superstars (Ramos, Bale, Neymar) lächerlich zu machen.

Auch Mesut Özil, der am Montagabend seinen DFB-Elf-Kollegen in Schutz nahm ("Das harte Zwischenfazit der englischen Presse ist ihm gegenüber nicht fair") wird mittlerweile wissen, dass eine Anstellung in der Premier League trotz der messerscharfen Pointen und zahlreichen Überspitzungen auf den Sportseiten gerade für Ausländer einen ganz entscheidenden Vorteil hat: die mediale Aufmerksamkeit verteilt sich hier auf so viele Klubs, Trainer und Spieler, dass das Leben unter Briten für doch weitaus geruhsamer ist, als es die Agenturmeldungen glauben machen können.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel