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Im Fokus der Kolumne von Raphael Honigstein: Jose Mourinho © Grafik SPORT1 Philipp Heinemann

Raphael Honigstein beleuchtet in seiner Kolumne die Rückkehr von Jose Mourinho nach Porto, wo er einst nach großen Triumphen einen unsauberen Abgang hinlegte.

Von Raphael Honigstein

Ein Mann aus West-London nahm sich am Montag eine Stunde Zeit, um das Museum des FC Porto im Dragao-Stadion zu begutachten.

"Fantastisch, absolut fantastisch, sehr emotional" sei die Ausstellung gewesen, berichtete er später; sie hätte bei ihm sogar einen kleinen Loyalitätskonflikt ausgelöst: "Dieser Besuch macht mein Herz als Gegner ein bisschen weicher. Jetzt muss ich ins Hotel gehen und mein Herz wieder hart für das morgige Spiel machen."

Wie man Jose Mourinho kennt, dürfte ihm das rechtzeitig gelingen.

Mourinho nur kurz sentimental

Die Begegnung mit der Vergangenheit in Form einer lebensechten Mourinho-Büste und von Erinnerungen an zwei große Europapokal-Titel unter seiner Ägide (UEFA Pokal 2003, Champions League 2004) im Vereinsmuseum weckten nur kurz Sentimentalitäten in der Pressekonferenz.

Mourinho kehrt bereits zum dritten Mal mit dem FC Chelsea an die Stätte seiner ersten großen Erfolge zurück, und der 52-Jährige ließ durchblicken, dass ihm nicht allzuviel an dem Verein und der Stadt im Norden Portugals liegt.

"Ich war seit (dem letzten Spiel mit Chelsea) 2007 nicht mehr hier, nicht mal zu Besuch oder für einen Urlaub", sagte er trocken.

Unsauberer Abgang vor elf Jahren

Es wird am Dienstagabend auch von Seiten der Porto-Fans eher Respekt als Liebesbekundungen geben, denn Mourinhos unsauberer Abgang nach dem 3:0 gegen den AS Monaco im Champions-League-Finale auf Schalke vor elf Jahren ist noch nicht vergessen.

Er hatte damals keinen Hehl daraus gemacht, dass er eine neue Herausforderung im Ausland suchte und sich direkt nach Schlusspfiff in Gelsenkirchen nicht mal die Siegermedaille um den Hals gehängt.

In der Stunde von Portos größtem Triumph seit dem Sieg im Landesmeisterpokal gegen den FC Bayern in Wien 1987 machte er übellaunig Andeutungen über Drohungen gegen sich und seine Familie und zog bald von dannen.

In Portugal hieß es, Mourinho, den damals noch alle "Ze", den "Kleinen", riefen, habe sich aus privaten Gründen mit dem Anführer der Porto-Ultras überworfen.

Als er sechs Monate später mit den Blauen für ein Gruppenphasen-Spiel zurück ins Drachenstadion musste, sicherte ein riesiges Polizeiaufgebot die Gästemannschaft. Selbst in den Katakomben waren Polizisten postiert.

Chelsea verlor 1:2, die Einheimischen waren verzückt. Drei Jahre später hatte sich die Lage etwas beruhigt, das zweite Match endete 1:1. 

Krisenstimmung bei Chelsea

Am Dienstag muss Mourinho zwar nicht unbedingt gewinnen. Aber ein erster Sieg gegen die ehemaligen Weggefährten wäre auf jeden Fall gut, um die neuerliche Krisenstimmung zu vertreiben, die den Meister seit dem schmeichelhaften 2:2 bei Newcastle United am Samstag erfasst hat.

Mourinho rechnete vor der Partie mit (nicht näher beschriebenen) Spielern seines Teams ab, denen die richtige "Einstellung in Sachen Motivation, Gier und Hingabe" fehle und sprach eine Drohung aus: "Wenn die Saison so läuft, dass wir nichts mehr gewinnen können, werde ich die Kids spielen lassen. Es macht für mich keinen Sinn, dann die älteren Spieler zu bringen. Ich bin da skrupellos."

John Terry, John Obi Mikel und Branislav Ivanovic nahm der Coach als "Serien-Meister" ausdrücklich von der Kritik aus, aber in seiner Mannschaft gebe es "keine Untouchables", keine Unauswechselbaren.

Mit diesem Begriff hatte Mourinho einst Terry, Frank Lampard, Petr Cech, Ricardo Carvalho, Didier Drogba, Claude Makelele belegt.

Den heutigen Stammspielern wie Eden Hazard, Cesc Fàbregas, Oscar oder Nemanja Matic gehe die absolute Siegermentalität ab, ließ Mourinho anklingen; das sei das Problem für die bisher unbefriedigende Saison, "nicht die Taktik, nicht die Fitness."

Wiedersehen mit Casillas

Und auch nicht der Trainer, natürlich. Mourinho wirkte so unzufrieden mit den fahrigen Aufritten seiner Schützlinge, dass ihn nicht mal das Wiedersehen mit Iker Casillas groß zu interessieren schien.

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Jose Mourinho (r.) verbannte Kapitän Iker Casillas bei Real Madrid einst auf die Bank © Getty Images

Der Torhüter hatte am Ende von Mourinhos drei Jahren bei Real Madrid (2010-2013) mehr oder weniger gegen den Portugiesen rebelliert und war zur Strafe auf die Bank gesetzt worden. Mourinho wurde später auch aus diesem Grund bei den Königlichen gefeuert. 

"Es gibt kein Problem", sagte der Trainer, mit Blick auf einen vermutlich frostigen Handschlag im Spielertunnel. Er hat derzeit in der Tat wohl größere Sorgen.

Sein Chelsea, die Siegermaschine des Vorjahres, produziert momentan einfach nicht mehr verlässlich. 

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