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Raphael Honigstein sieht in den Diskussionen um Emre Can Parallelen zu Mesut Özil © SPORT1-Grafik/Getty Images

London - Emre Can und die Frage nach seiner Position beim FC Liverpool sorgen ein England für Diskussionen, die an Mesut Özil erinnern. Owen Hargreaves warnt bei SPORT1.

Von Raphael Honigstein

Die Frage hing einen Moment lang in der Straße, buchstäblich zwischen Tür und Angel. "What do you think of Mesut Özil?"

Kieran, der elfjährige Junge vom Nachbarhaus, schaute mich an. 

"He"s a very good player."

"Yes! Thank you." 

Kieran ballte eine kleine Sieges-Faust. Hinter ihm stand sein Vater Stephen und zuckte mit den Achseln. 

Der Spielmacher vom FC Arsenal spaltet die Meinungen auf der Insel wie kaum ein anderer Premier-League-Star. Die Demarkationslinie zwischen beiden Lagern, den Özil-Bewunderern und den Özil-Leugnern, verläuft quer durch das Land, durch London, durch Familien.

Je mehr diskutiert wird, desto extremer werden die Positionen. Völlig überschätzt, sagen die einigen. Nicht ansatzweise genügend gewürdigt, die anderen. 

Can fast so streitbar wie Özil

Özils Nationalmannschaftskollege Emre Can vom FC Liverpool hat es zwar noch nicht ganz zum nationalen Diskussionsobjekt geschafft, doch unter den Fans der Reds wird derzeit über keinen anderen Akteur so heftig gestritten.

Ist der 21-Jährige ein Mann, der das Team von der Mersey dauerhaft noch vorne bringt? Und falls ja, auf welcher Position? In den sozialen Netzwerken erreicht die Verbissenheit der Debatte bereits özilsche Dimensionen. 

Zahlen sprechen deutliche Sprache

Die Zahlen des Vorjahres sprechen eigentlich eine recht deutliche Sprache. Nach ein paar Kurzeinsätzen zu Beginn der Saison  spielte sich Can in der Startelf der Roten fest. 27 Einsätze  und ein Tor standen am Ende unter dem Strich.

Seine individuellen Werte konnten sich ebenfalls sehen lassen. Can grätschte durchschnittliche 3,4 Mal pro Spiel (nur zwei Liverpool-Spieler packten öfters das lange Bein aus) brachte 3,2 lange Pässen an den Mann, schloss drei Viertel seiner Dribblings erfolgreich ab und war mit einer Passquote von 83,2 Prozent der viertbeste Mann im Kader der Merseysiders.

"Wenn ich ihn sehe, denke ich, dass er in zwei, drei Jahren in jeder Mannschaft der Welt spielen könnte", sagte Brendan Rodgers: "Er wird ein Weltklassespieler werden." 

Rechtsverteidiger? Mittelfeld?

Aber in welcher Funktion? Liverpools Trainer hatte gegen Ende der Spielzeit die Idee, Can als rechten Verteidiger einzusetzen; das Experiment war kein grenzenloser Erfolg.

Liverpool verlor mit dem U21-Kapitän in der Abwehr unter anderem das FA-Pokal-Halbfinale gegen Aston Villa und 1:6 gegen Stoke City. Can wurde dabei von Marko Arnautovic auf dem Flügel terrorisiert und nach 45 katastrophalen Minuten ausgewechselt. 

Ordentliche Leistungen und ein Desaster

In der neuen Saison ist das Bild noch diffuser. Can spielte vier Mal im Mittelfeld, aber vier Mal mit völlig unterschiedlichen Resultaten. Beim 1:0-Sieg in Stoke wurde er eine halbe Stunde vor Spielende eingewechselt, und seine Energie trug dazu bei, Liverpool die drei Punkte zu sichern.

Eine Woche später kam er kurz nach der Pause in die Partie, um den verletzten Kapitän Jordan Henderson zu ersetzen. Das gelang nicht wirklich, doch Liverpool gewann trotzdem 1:0 gegen Aufsteiger Bournemouth.

Liverpool v A.F.C. Bournemouth - Premier League
Emre Can hatte gegen Bournemouth einen schweren Stand © Getty Images

Das Match gegen Arsenal zeigte haarsträubende Abwehrfehler, Chancen auf beiden Seiten, aber keine Tore. Can hatte als einer von drei zentralen Spielern Mühe, mit dem ballsicheren, schnellen Mittelfeld der Londoner mitzuhalten, allerdings auch ein paar sehr gute Szenen.

Dann aber kam ein neuerliches Desaster. Liverpool lag gegen West Ham schon zur Pause 0:2 hinten, Can wurde aus dem Spiel genommen und stand so hinterher (Endstand 0:3) ein bisschen als Sündenbock da. “Nur der Referee bot eine schlechtere Leistung als Can auf dem Platz”, schrieb ESPNFC

Hargreaves warnt

Seitdem wird in der roten Anhängerschaft noch heftiger über Cans Rolle(n) und Perspektiven diskutiert. "Er ist ein sehr guter Spieler, aber kein Mann für die Sechs", sagt der ehemalige Liverpool-Verteidiger Jamie Carragher.

Ein Mann für den Posten als Rechtsverteidiger ist nach den Eindrücken gegen Schottland wohl auch nicht. Auf der Acht ist im Verein Henderson gesetzt. 

"Can ist ein exzellenter Spieler, aber er muss aufpassen, dass er von den Trainern nicht ständig hin- und her verschoben wird", sagt Owen Hargreaves zu SPORT1, "wenn man zu flexibel einsatzfähig ist, kann es für die Entwicklung eines Spielers auch von Nachteil sein."

Can muss Rodgers überzeugen

Der ehemalige Münchner weiß, wovon er spricht. Er musst unter Sven-Göran Eriksson auf allen möglichen Positionen spielen und wurde auch von Alex Ferguson als rechter Verteidiger, rechter Flügelspieler und in in verschiedenen Rollen in der Zentrale von Manchester United eingesetzt.

"Als Spieler brauchst du einen Trainer, der deine beste Rolle kennt und auf dich vertraut", erklärt Hargreaves. Can hat zwar signalisiert, dass er sich als Mittelfeldspieler definiert - "ich möchte Verantwortung übernehmen" - aber muss dem sprunghaften Rodgers mit konstanter Leistung überzeugen, dass ihm diese Verantwortung auch zusteht.

Am besten fängt er dabei gleich im Derby gegen Manchester United am Samstagabend (ab 18.15 Uhr im LIVETICKER) an. 

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