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Liverpool - Bei Liverpools Heimpleite gegen Crystal Palace verlassen die Fans vorzeitig das Stadion. Der Trainer ist irritiert, will die Schuld aber nicht bei den Anhängern suchen.

Es kommt selten vor, dass die fußballbegeisterten Engländer mit ihren Traditionen brechen. Besonders dort, wo Traditionen sonst die Vereinsphilosophie prägen.

Beim FC Liverpool etwa haben Fans und Mannschaft ein Bund fürs Leben geschlossen. "You'll Never Walk Alone" dröhnt es vor jedem Spiel von den Rängen der legendären Anfield Road. Du wirst niemals allein sein – ein Treueschwur in guten wie in schlechten Zeiten. Bis Sonntag galt es als undenkbar, dass Anhänger der Reds dieses Gelübde brechen könnten.

"Kannst noch acht Tore schießen"

Vielleicht blickte Jürgen Klopp deshalb so ungläubig ins weite Rund, als sich die Fans angesichts der sich abzeichnenden Heimniederlage gegen Crystal Palace von der Mannschaft abwandten und in Scharen das Stadion verließen.

Es lief die 82. Minute, Scott Dann hatte soeben das 1:2 für die Gäste erzielt. Es soll Spiele gegeben haben in der Geschichte des Fußballs, die in dieser Zeit noch umgebogen wurden.

Entsprechend wähnte sich Klopp im falschen Film: "Zwischen der 82. und der 94. Minuten kannst du acht Tore schießen", sagte der Trainer in seinem gewohnt kämpferischen Jargon. "Aber dafür musst du arbeiten."

Gegner fühlt sich "im Paradies"

Spricht Klopp in Zusammenhang mit Fußball von arbeiten, da kann man sicher sein, hat er auch immer die Unterstützung des Publikums im Hinterkopf. Die blieb seinem Team am Sonntagnachmittag in der Schlussphase jedoch verwehrt. Angesichts der kollektiven Flucht auf den Tribünen schrieb der Telegraph davon, Palace habe sich an der Anfield Road "wie im Paradies" gefühlt.

Mit etwas Distanz zu den Geschehnissen wollte Klopp die eigenen Anhänger aber nicht für die Heimniederlage verantwortlich machen. "Ich bin nicht enttäuscht von den Fans", beteuerte der Coach. Vielmehr nahm er seine Mannschaft in die Pflicht.

"Bis zum Abpfiff kann alles passieren. Wir entscheiden, wann es vorbei ist. Das müssen wir den Fans zeigen, und das haben wir nicht", konstatierte Klopp.

In den wenigen Wochen, die er jetzt auf der Insel weilt, hat deutsche Trainer ein gutes Gefühl dafür entwickelt, wie die englische Fan-Seele gestrickt ist. Euphorie und Ernüchterung wechseln sich genauso schnell ab, wie Bälle von einem Strafraum zum anderen fliegen.

Und da Klopp von Beginn seines Engagements an darauf bedacht ist, Aufbruchsstimmung in Liverpool zu erzeugen, darf er die Anhänger nicht verprellen. Selbst wenn es noch etwas dauern sollte, bis die Fans gänzlich mit dem Klopp'schen Vollgas-Gen vertraut sind.

Klopp: "Wollen das nicht mehr"

Der Trainer weiß das. Spontane Gefühlsregungen wie die unmittelbar nach dem Abpfiff gegen Crystal Palace ("Ich habe mich ziemlich allein gefühlt") waren noch seiner Enttäuschung zuzuschreiben.

Mit etwas mehr Abstand appellierte Klopp bereits an seine Spieler: "Dieses Spiel zu verlieren, war einfach unnötig. Das war heute nicht genug, wir haben mehr drauf. Davon müssen wir lernen."

Die Niederlage kam für Liverpool angesichts der bevorstehenden Länderspielpause psychologisch zur Unzeit. Die Reds verpassten den Anschluss ans obere Tabellendrittel – und dann wurde zum ersten Mal in der Ära Klopp auch noch ein Stimmungsdämpfer auf den Rängen sichtbar.

Das Bild von verlassenen Sitzschalen auf der Tribüne wird Klopp seiner Mannschaft bei Gelegenheit noch einmal vor Augen führen. "Wir müssen uns dieses Gefühl einprägen und uns dann erinnern, warum wir das nicht mehr wollen", sagte Klopp. "Wenn wir die richtigen Schlüsse ziehen, dann war es ein guter Abend."

Ein gutes Spiel, das weiß der Trainer, reicht mitunter aus, und in Liverpool schlägt die Stimmungslage wieder in Euphorie um. Um es mit Klopp zu sagen: "Aber dafür musst du arbeiten."

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