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Jamie Vardy (rechtes Bild 2.v.l.) wechselte 2012 von Fleetwood Town zu Leicester City

Jamie Vardy hat sich vom Fabrikarbeiter zum besten Torschützen der Premier League hochgedient. Mit seinem Klub Leicester City schreibt er ein Fußball-Märchen.

Eine Viertelstunde vor Abpfiff erhoben sich die Zuschauer im St. James Park von ihren Plätzen und applaudierten dem Mann, der ihnen gründlich den Nachmittag ruiniert hatte.

Leicester-City-Stürmer Jamie Vardy hatte beim 3:0-Auswärtssieg seiner Elf in Newcastle vor einer Woche das erste Tor erzielt und damit zum zehnten Mal in Folge in einem Premier-League-Spiel getroffen.

Dieses Kunststück war in der 1992 neu-formierten Liga auf der Insel zuvor nur Ruud van Nistelrooy gelungen. Am Samstag, wenn der Überraschungs-Tabellenführer aus den Midlands van Nistelrooys ehemaligen Verein Manchester United (Platz zwei) zum Spitzenspiel des Wochenendes empfängt, könnte Vardy den Niederländer gar überholen.

"Mal sehen, was passiert", sagt der 28-Jährige cool, "ich muss mich jeden Tag kneifen, weil ich es selbst kaum glauben kann". Vor fünf Jahren kickte der Shooting-Star des englischen Fußballs noch in der siebten Liga in einem Wald- und Wiesenklub, Stocksbridge Park Steelers, für 50 Pfund in der Woche und schuftete in einer Kohlenstofffaser-Fabrik.

Heute ist er Nationalspieler, "ein Champion”, wie Leicester-Trainer Claudio Ranieri sagt, und mit dreizehn Toren in ebenso vielen Partien Führender der Torschützenliste. Ein modernes Fußballmärchen. 

Ausweitung eines Rekords

Es wäre nicht ganz unpassend wenn dem gebürtigen Sheffielder die Ausweitung seines Rekords ausgerechnet gegen United gelingen sollte. Die Anhänger der Red Devils sehnen sich nach einem Torjäger von van Nistelrooys Kragenweite; Juan Mata (4), Anthony Martial (3), Wayne Rooney (2), Memphis Depay (2) und Ander Herrera (2) haben zusammen so viele Tore wie Vardy erzielt.

Raphael Honigstein
Raphael Honigstein © SPORT1

Insgesamt kommt Bastians Schweinsteigers Team nur auf 19 Treffer in der laufenden Saison. Man hat zwar auch nur neun Gegentreffer kassiert, die wenigsten der Liga, doch die vielen clean sheets ("saubere" Spielberichtsbögen) sind eine Folge der endlosen Ballzirkulation unter Trainer Louis van Gaal und somit eher ein zweites Symptom für die Malaise in der Offensive.

Beim blamablen 0:0 gegen PSV Eindhoven am Mittwoch hielt die früher für ihren Hurra-Fußball berüchtigte Mannschaft das Spielgerät wieder so lange in den eigenen Reihen, bis Gegner und Zuschauern die Füße einschliefen. In den letzten 40 Minuten kam man gegen die Niederländer nur zu einem einzigen Torschuss. "Das System ist viel zu starr", sagt van Gaals Landsmann René Meulensteen, der unter Alex Ferguson von 2007 bis 2013 als Assistenztrainer im Old Trafford arbeitete. 

Chronische Kreativ-Probleme

Die britischen Buchmacher sehen United trotz der chronischen Kreativ-Probleme im letzten Drittel als Favorit für das Match im King Power Stadium, allerdings wird Leicester quotentechnisch eine Gewinnchance von 43 Prozent eingeräumt.

Das sagt viel über die Leistungsstärke beider Teams aus. Die Hausherren spielen mit den ehemaligen Bundesligisten Christian Fuchs (Schalke) und Shinji Okazaki (Mainz) sowie dem ehemaligen Nationalspieler Robert Huth, der bisher in allen Partien die kompletten 90 Minuten auf dem Platz stand, geradlinigen Konterfußball mit hohem Tempo im Umschaltspiel. Nur noch zwölf Zähler trennen die Foxes (Füchse) von der 40-Punkte-Marke, die in England gemeinhin für den Klassenerhalt reicht.

Kandidat für den Abstieg

Niemand hatte das der Elf zugetraut, fast alle Experten sahen in ihr einen Kandidaten für den Abstieg - erst recht, als Ranieri als Nachfolger des streitbaren Nigel Pearson verkündet wurde. Pearson, 52, war Ende Juni gefeuert worden, nachdem er sich zum wiederholten Male mit dem Eigentümer des Klubs, dem thailändischen Unternehmer Vichai Srivaddhanaprabha überworfen hatte.

Ex-Chelsea-Coach Ranieri galt nach seinem schmählichen Rausschmiss in Griechenland, wo er als Nationaltrainer auf den Färöer Inseln verloren hatte, bestenfalls als Notlösung. In England hatte man den Italiener als netten, leicht verdatterten Onkel in Erinnerung, der sich vor José Mourinhos Ankunft an der Stamford Bridge mehr schlecht als recht als Chelsea-Trainer versucht hatte. Mittlerweile hat der 64-Jährige das Bild ganz gehörig korrigiert.

Kein Übungsleiter macht momentan mehr aus seinen Möglichkeiten, kein Team so viel aus sich selbst. Der Kontrast zu United ist in dieser Hinsicht besonders scharf. Auch das macht den Reiz des unerwarteten Gipfeltreffens am Samstag aus. 

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