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Raphael Honigstein (l.) analysiert für SPORT1 die Geschehnisse in der Premier League

Bei Manchester United wandelt sich die Streitkultur, Legenden wie Paul Scholes und Rio Ferdinand schießen quer. Selbst Trainer Louis van Gaal ist machtlos.

Von Raphael Honigstein

Im August 2012 berichtete Daily-Telegraph-Reporter Mark Ogden, dass Rio Ferdinand den Saisonauftakt von Manchester United gegen Everton wegen einer Leistenblessur verpassen würde. United-Trainer Alex Ferguson wies darauf seine Presseabteilung umgehend an, Ogden zukünftig nicht mehr zu den wöchentlichen Pressekonferenzen im Trainingszentrum Carrington zu zulassen.

Sir Alex, den "dunklen Ritter", wie ihn viele Journalisten nannten, hatte nicht etwa erzürnt, dass Ogden eine Ente verbreitet hatte. Oh no. Ferguson nahm ihm vielmehr übel, dass dessen Geschichte hundertprozentig stimmte. Aus seiner Sicht hatte der Telegraph mit der Meldung ein Betriebsgeheimnis ausgeplaudert, dem Gegner geholfen.

Eine Art Verrat

Es lag also eine Art Verrat vor. Und Verräter mussten, wenn sie Sir Alex an seinem Hof schon nicht vierteln konnte, zumindest mit der Verbannung ins Exil bestraft werden. 

Die Episode, nur eine von vielen aus der (oft sehr willkürlichen) Schreckensherrschaft des Schotten, zeigt, wie stark dieser darauf versessen war, die Verbreitung von Informationen und Meinungen über seinen Klub zu kontrollieren.

Wer unliebsame Artikel schrieb, unerwünschte Fragen stellte oder gar, wie die BBC, Fernsehdokumentation über die Verwicklung von Familienmitglieder in Uniteds Transfersgeschäfte drehte, wurde rausgeschmissen. Kritik aus den eigenen Reihen war ebenfalls verboten.

Vereinsikone Roy Keane wurde 2005 nach einem Interview mit dem Vereinssender MUTV gefeuert, in dem er sich negativ über Kollegen geäußert hatte. Der Sender wurde vor der Ausstrahlung angewiesen, alle Bänder zu zerstören. 

Raphael Honigstein
Raphael Honigstein © SPORT1

Ferguson verstand es als elementaren Teil seiner Arbeit, die Debattenhoheit zu gewährleisten. Über United sollte am besten nur er selbst reden; Zweifel und Tadel mussten im Keim erstickt werden, bevor sie Unheil anrichteten. "Große Imperien sind immer an ihrer inneren Schwäche zu Grunde gegangen", erklärte er einst. 

Das Volk murrt

Heute, im Jahr drei nach SAF, kann der Verein die Diskussionen nicht mehr steuern. United steht auf Platz drei in der Tabelle, nur einen Punkt hinter Manchester City und Leicester City, aber es herrscht große Unruhe im Umfeld, und auf den Rängen murrt das Volk ob des schleppenden Spiels unter Louis van Gaal.

Nach zwei Unentschieden in wichtigen Spielen (PSV, Leicester) in Folge fühlt es sich an, als ob United kurz vor der nächsten großen Krise steht. Von den Berichterstattern hat niemand Angst vor dem Niederländer, der sich mit einer rätselhaften Mischung aus Ironie und Überheblichkeit regelmäßig selbst in Frage stellt.

"Ich mache nichts selbst, ich delegiere und bekomme dafür viel Geld!", hat er neulich erzählt. Das wäre bei guten Ergebnissen vielleicht noch als Witz durchgegangen. Doch so uninspiriert wie sein Team momentan spielt, hörte sich dieses Eingeständnis in den Ohren der Fans wie blanker Hohn an. 

Van Gaal kann und will mit seinem putzigen Englisch in der Öffentlichkeit nicht den Bösewicht spielen, das wird ihm nach Ferguson automatisch als Schwäche ausgelegt. Und dazu kommt, dass anders als zur Fergie-Zeit mittlerweile ein halbes Dutzend ehemaliger United-Spieler als Experten fürs Fernsehen und in Zeitungskolumnen der allgemeinen Unzufriedenheit mit ihren Einlassungen Nahrung geben.

Scholes und Ferdinand meckern

United spiele unter van Gaal "einen langweilig Stil", grummelte Paul Scholes im Sender BT Sport, "man hat das Gefühl, dass er mit Stürmern nicht zurecht kommt. Rooney steht im Regen, aber ich glaube, dass in seinem Team jeder Stürmer Probleme hätte, Tore zu schießen. Selbst Sergio Agüero."

Scholes, 41, war einst der wortfaulste Profi auf der Insel, in 20 Jahren im roten Trikot hatte er höchstens vier Interviews gegeben. Umso schärfer klingt nun die wöchentliche Kritik aus seinem Mund. 

Der frühere Man-Utd-Verteidiger Rio Ferdinand bezeichnete das Spiel der Mannschaft ebenfalls als unattraktiv. "Vom zentralen Mittelfeld geht null Gefahr aus",  schrieb er in der Sun, "jedes Mal, wenn man das Gefühl hat, das Team würde Fortschritte machen, wird man sofort wieder enttäuscht." Kapitän Rooney sehe "fürchterlich" aus, bemängelte Keane als Experte für den Privatsender ITV.

Jetzt ein gewöhnlicher Spitzenklub

"Ich sehe Spieler, die Angst vor der Todesstrafe haben, wenn sie im letzten Drittel den Ball nach einem Risikopass verlieren", sagte Gary Neville in seiner Rolle als Sky-Kommentator, "van Gaal ist an dem Punkt angekommen, an dem er Leistungen liefert, die den Wahnsinns-Investitionen und der Unterstützung der Fans gerecht werden."

Kein Ehemaliger hätte sich früher so weit aus der Deckung getraut. Zu den prominenten Wortmeldungen gesellen sich fast täglich anonyme Beschwerden von Spielern über die anstrengenden Methoden von van Gaal. Das wäre unter Ferguson vor lauter Furcht vor Repressionen auf Seiten der Informanten ebenfalls unvorstellbar gewesen.

Für Neville, der am Dienstag überraschend zum Trainer von Valencia ernannt wurde, zeugen die Unruhe sowie Uniteds hektische Betriebsamkeit auf dem Transfermarkt von einem "Mangel an Ordnung".

Aber der 40-Jährige hat mittlerweile auch erkannt, dass die totalitäre Funkstille in der SAF-Ära wohl eine "freakige Ausnahme" darstellte, nicht die Norm. United ist ohne das Kontroll-Genie auf der Bank eben zu einem ganz gewöhnlichen Spitzenklub geworden, mit all jenen Begleitgeräuschen, die es auch in Madrid, München und Mailand gibt, wenn das Spiel nicht schön ist und die Titel ausbleiben. Gegen die Kakophonie der Kritik hilft nur: besserer Fußball. 

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