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Raphael Honigstein beschäftigt sich in seiner Kolumne mit der Kritik an Jürgen Klopp © SPORT1-Grafik

London - Die Experten geben Jürgen Klopp eine Mitschuld für die Verletzungsmisere beim FC Liverpool. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein findet, dass es sich die Kritiker damit zu einfach machen.

Von Raphael Honigstein

Sprichwörtlich nasse, windige Dienstagabende im heißblütigen Britannia-Stadion von Stoke City gelten auf der Insel immer noch als der größtmögliche Reifetest, obwohl dort seit dem Abschied von Anti-Fußball-Lehrer Tony Pulis (jetzt bei West Brom) eigentlich ganz manierlich gekickt wird.

Liverpools 1:0-Erfolg im Hinspiel des Ligapokal-Halbfinale kam einem Nachweis der Aufenthaltsberechtigung für Jürgen Klopp in diesem verrückten Fußball-Land gleich. "Die Reds triumphierten gegen alle Widrigkeiten, der couragierte Sieg lässt bei Klopp Stolz aufkommen", jubelte das Liverpool Echo

Stolz war der 48-Jährige in erster Linie über "die Reaktion", die Liverpool nach der trägen 0:2-Pleite gegen West Ham in der Liga gezeigt hatte. Die Roten diktierten mit flexiblem, schnellem Angriffsspiel das Geschehen. Selbst die verletzungsbedingten Auswechslungen von Spielmacher Philippe Coutinho und Innenverteidiger Dejan Lovren brachten die Mannschaft nicht aus dem Konzept.

Klopp kann Sieg nicht genießen

Ein nahezu perfektes Mittelfeldpressing mit hohem Druck auf den Raum vor der City-Viererkette unterband über weite Strecken die Versorgung des gefeierten Dreizacks Marko Arnautovic, Bojan und Xherdan Shaqiri. Stoke-Trainer Mark Hughes ordnete nach der Pause weite Bälle auf Kampfgiraffe Peter Crouch (2,01 m) an - ein Eingeständnis der taktischen Unterlegenheit.

Am Ende warf sich Kolo Touré neben dem kurzfristig zum Abwehrspieler umfunktionierten Lucas Leiva von Krämpfen geschüttelt in die Bälle. "Wir hätten im Grunde mit der weißen Fahne wedeln können, aber das war keine Option für die Jungs", lobte Klopp die Widerstandsfähigkeit seiner Männer. 

So richtig genießen konnte der Schwabe die heroische Leistung dennoch nicht. "Über dem Spiel liegt ein großer Schatten: die Verletzungen", klagte er. Mit Coutinho und Lovren fallen nun schon zehn Spieler aus, sechs davon mit Oberschenkelverletzungen. Klopp ahnte, dass dieses Thema die Debatten nach Schlusspfiff dominieren würde.

Experten kritisieren Klopp

"Das ist kein Zufall, ich denke, sie müssten mal schauen, was sie im Training machen", sagte Sky-Experte Graeme Souness, der zudem Klopps Gegenpressing als Ursache vermutete. "Das 90 Minuten lang zu machen, ist hart für die Beine, darunter leiden sie jetzt", so der Schotte. Der frühere Stoke-Profi Danny Higginbotham äußerte den Verdacht, dass der Kader von Klopps "doppelten Training-Sessions am Tag" überbeansprucht werde. 

Der Trainer reagierte gereizt auf diese steile Thesen. "Verletzungen? Ich weiß, was als nächstes kommt: dafür bin ich verantwortlich", sagte er sarkastisch. "Natürlich werden wir unser Training überprüfen. Aber derzeit gibt es kein Training, nur Regeneration. Wir haben ja gar keine Zeit, zu trainieren."

So einfach, wie es sich Souness und Higginbotham machten, ist die Sache jedenfalls nicht. Es gab seit Klopps Ankunft im Oktober keinen einzigen Trainingstag mit doppelten Einheiten, von speziellen Fitnessübungen kann auch nicht die Rede sein.

Klopp hat den Betreuerstab von Vorgänger Brendan Rodgers übernommen. Und wegen der hohen Belastung werden zwischen den Partien vorwiegend taktische Übungen mit geringer körperlicher Belastung angesetzt. 

Medizinische Betreuung unausreichend?

Die Diskussion wird trotzdem nicht so schnell verstummen, denn Klopp ist hier ein Opfer seines guten Rufs: nach dem großen Gegenpressing-Hype und vielen "Heavy-Metal-Fußball"-Schlagzeilen werden die vielen Verletzungen zwangsläufig auf den hohen Arbeitsaufwand des Teams geschoben.

Seine Mannschaft läuft durchschnittlich sechs Kilometer mehr pro Spiel als unter Rodgers. Aber ob sich deswegen Innenverteidiger den Oberschenkel zerren müssen, ist eine andere Frage. 

Wahrscheinlich kommen gerade einfach Pech, mangelnde Rotationsmöglichkeiten, mehr läuferischer Aufwand und die vielen Spiele (ohne Pause) zusammen. Vielleicht könnte auch die medizinische Betreuung in England besser sein. Viele ausländische Spieler klagen hinter vorgehaltener Hand, dass im Bereich der Prävention wenig gemacht wird; nicht wenige beschäftigen privat eigene Physiotherapeuten und Trainer. 

Klopp zu Transfers gezwungen

Klopp hat derweil keine Zeit, grundlegende Veränderungen vornehmen, er steckt ein wenig in Zwickmühle. Sein Team muss körperlich viel investieren, um das Defizit an individueller Qualität auszugleichen, letzteres wird jedoch mit jeder weiteren Verletzung eines Stammspielers größer.

Abhilfe kann da nur das Transferfenster schaffen. Klopp wollte eigentlich nicht im Januar einkaufen gehen, nun wird er gezwungen, doch den Geldkoffer aufzumachen. In der Premier League kann man sich diesem Mechanismus anscheinend selbst mit besten Absichten nicht entziehen.  

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