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Jürgen Klopp steht vor seinem ersten Finale mit dem FC Liverpool © Getty Images / SPORT1

London - Raphael Honigstein erklärt in seiner SPORT1-Kolumne, wie der Gewinn des eher belächelten League Cups Jürgen Klopp und seine Reds auf die nächste Stufe hieven könnte.

Das Liverpool Echo, die größte Boulevardzeitung der Stadt, erscheint am Samstag mit einer 28-seitigen Spezialbeilage. Thema und Titelzeile sind unschwer zu erraten: "The Klopp Final" steht in dicken roten Buchstaben auf dem Cover stehen.

Im übertragenen Sinne ist das Duell mit Manchester City am Sonntag (ab 17.30 Uhr im LIVETICKER) natürlich kein Endspiel für Jürgen Klopp. Den Ligapokal muss auf der Insel nämlich niemand wirklich gewinnen, Klopp erst recht nicht. Die Trophäe ist schönes Beiwerk, eine Zierde für den Briefkopf, aber für einen Verein mit weltweiter Strahlkraft ehrlich gesagt von zu vernachlässigender Bedeutung. 

Erster Titel seit 2012?

Es stimmt: mit einem Sieg gegen Manuel Pellegrinis Mannschaft wäre der FC Liverpool auf jeden Fall für die UEFA Europa League qualifiziert und könnten sich in der Folge auf ebendiese konzentrieren; Platz vier in der Liga ist ja unrealistisch. Doch der wahre, wichtigere Nutzen wäre von symbolischer Natur.

Jeder Anführer braucht Ergebnisse, um beim Volk den Glauben an ihn zu stärken. Ein erster Titel seit 2012 - damals saß die Trainerlegende Kenny Dalglish auf der Bank - würde Klopps Arbeit in den nächsten Monaten an der Mersey ein Stück weit einfacher gestalten. 

Ob dies seine wichtigste Woche in Liverpool sei, wurde der 48-Jährige nach dem 1:0-Sieg gegen Augsburg von der Reporterin von BT Sport gefragt. Klopps Antwort: "Ich hoffe es nicht". Der etwas zittrige, nicht gänzlich überzeugende Erfolg gegen Markus Weinzierls Elf darf nur ein Etappenziel vor dem nächsten Etappenziel Wembley sein. So richtig soll es für ihn und seine verstärkungsbedürftige Truppe erst in der kommenden Saison losgehen; mit einer neuen Abwehr und neuen Flügelstürmern. 

Klopp war am Donnerstagabend gut gelaunt. Ein Aus gegen Augsburg, den überaus sympathischen aber eben auch recht kleinen Klub aus der Bundesliga, hätte vor der Reise in den Londoner Nordwesten für schlechte Stimmung gesorgt.

Schlager statt Heavy Metal

Spielerisch hatte seine Mannschaft zwar nur phasenweise überzeugt - "anstatt 'Heavy Meat Fußball' war das hier mehr eine sentimentale Ballade eines Schlagersängers, der nicht den Ton trifft", schrieb der Daily Telegraph - aber der Schwabe hatte genügend Dinge gesehen, die ihm gefielen.

Mit Spielmacher Philipp Coutinho und Stürmer Daniel Sturridge hatten zum Beispiel die wichtigsten Offensivgrößen das Match unbeschadet überstanden und zumindest ansatzweise Kombinationen gezeigt, die auf eine bessere Zukunft hoffen lassen. "Wir müssen das Vertrauen in die Körper der Spieler neu gewinnen", sagte der Trainer nach dem Schlusspfiff.

Klopps Defensive immer stabiler

"Sie können nur durch Training und Spiele in Bestform kommen. Vielleicht sind wie schon fast so weit." Auch defensiv macht LFC Fortschritte: Drei Spiele in Folge ohne Gegentor zeugen von verbesserten Abläufen im Pressing, der Rückwärtsbewegung und dem Positionsspiel.

Die Qualifikation fürs Achtelfinale der Europa League lässt Liverpool ein Hintertürchen für die Champions League offen, auch wenn mit Erzrivale Manchester United ein harter Brocken wartet. Mit einem Triumph im Basler St. Jakob-Park kann Klopp die Erwartungen an ihn und sein Team übertreffen. Im Idealfall kann der Ligapokal als Wachstumsbeschleuniger dienen.

Ein paar Zentimeter mehr können ja manchmal wichtig fürs Selbstbewusstsein sein, das konnte man Donnerstag sehen. Damit sie nicht gar so zu ihm hoch schauen musste, hatte Klopp der zierlichen Journalistin von BT Sport galant eine kleine Metallschachtel organisiert.

Ein ähnliche Funktion könnte der erste Titel für Klopp am Sonntag einnehmen. Ein kleines Stückchen weiter oben steht es sich einfach besser.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in seiner Premier-League-Kolumne über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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