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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein beobachtet, dass Pep Guardiolas Zusage für Manchester City in England hektische Betriebsamkeit zur Folge hat © SPORT1-Montage: Marc Tirl / Getty Images

In seiner SPORT1-Kolumne beleuchtet Raphael Honigstein den Transferendspurt in England. Die Verpflichtung von Pep Guardiola durch Manchester City hat gleich wilde Personalspekulationen zur Folge.

Der Transfer Deadline Day (TDD) fand zwar am Montag wie geplant statt, fiel aber als Medienspektakel komplett aus.

Sky-Moderator Jim White sah in seiner gelben Krawatte nie blöder und verlorener aus, und Talksport-Reporter Ian "Elch" Abrahams, den irgend ein Wahnsinniger in einen gelben Strampelanzug gesteckt hatte, gab ebenfalls ein Bild der Verzweiflung ab.

Alle Gerüchte, Mittelklasse-Deals im Mittelfeld der Tabelle und Augenzeugenberichte von ausländischen Stars bei Geheimverhandlungen ("Ich habe den zweiten Cousin von Messi in einer Tankstelle in Yorkshire getroffen!”) waren nie uninteressanter.

Mit Pep Guardiola hatte Manchester City bereits "den größten Deadline-Day-Transfer aller Zeiten" (The Times) am frühen Nachmittag bekanntgegeben, alles andere war daneben vollkommen belanglos.

"Manchester Citys Bestätigung von Pep Guardiolas Ankunft im Sommer ist einer der bedeutendsten Momente in der Geschichte des englischen Fußball”, trompetete das seriöse Blatt. 

Geht es auch eine Nummer kleiner? Natürlich nicht. Für den Sommer vorproduzierte Radio- und Zeitungs-Reportagen aus Pep’s Heimatort Santpedor wurden eiligst vorgezogen - viel schlimmer, als beim allgemeinen Hype mitzumachen, ist ihn zu verpassen. 

Im Boulevard überstürzten sich sofort die Spekulationen über die schönen Mitbringsel, die der Neue im Gepäck haben könnte. Robert Lewandowski (Sun)? Paul Pogba (Daily Mail)? Lionel Messi, Gerard Pique, Sergio Busquets und Toni Kroos (Daily Star)?

Schnell zurück in die Realität. Manchester City, da sind sich die Betrachter einig, bekommt mit Guardiola einen Trainer, der den immer noch leicht künstlich erscheinenden Verein von Scheich Mansour aus Abu Dhabi mit einem Schlag zu einem waschechten, globalen Superklub macht, allein durch seine Zusage.

City hatte sich schon im Herbst 2012 um ihn bemüht, doch damals waren die Hellblauen noch nicht so weit, Pep ging nach München. Jetzt verdeutlicht seine Zusage, dass der Verein den traditionellen bzw. etwas etablierteren Größen wie Chelsea und Manchester United den Rang abgelaufen hat.

Beide sind nun mehr denn je unter Druck, zur nächsten Saison prominente Übungsleiter von internationaler Strahlkraft zu präsentieren. Das wird schwer.

Einer der Nutznießer der Situation könnte Jose Mourinho, der Anti-Pep, sein. Man-United-Geschäftsführer Edward Woodward, der den Branchenkrösus seit 2013 sportlich ziemlich an die Wand gefahren hat, könnte sich den Portugiesen von Mou-Berater Jorge Mendes aufschwatzen lassen, obwohl man im Verein großes Bauchweh mit der Personalie hat.

Mourinho hat zwar bei Real Madrid bewiesen, dass er einer der wenigen Trainer ist, der gegen Guardiola anstinken kann - allerdings zu einem Preis, den United wohl eher nicht gewillt ist, zu zahlen. In der spanischen Hauptstadt war am Ende die halbe Kabine gegen den Super-Ego-Übungsleiter aufgebracht.

Zum Hass-Derby Pep vs Mou wird es in Manchester also wahrscheinlich nicht kommen, doch auch so sollte sich Guardiola auf Widerstand einrichten, meint zum Beispiel Jürgen Klopp. “Er ist einer der besten Trainer Welt, aber wir werden es hoffentlich verhindern, dass er hier Erfolg hat”, sagte der Liverpool-Coach mit einem Lächeln.

“Ich glaube, ihm wird die Liga Spaß machen, weil er den Wettbewerb mag. Das hier ist eine echte Liga mit echtem Wettbewerb. Ich denke nicht, dass es für ihn so wie in Spanien oder Deutschland sein wird.” 

Das wird sich zeigen. Zumindest den modischen Wettstreit an der Seitenlinie wird Guardiola auf jeden Fall für sich entscheiden, auch wenn er seine schmalen Schlipse zukünftig nicht mehr bei Maendler am Bayerischen Hof kaufen kann.

"Er wird die Tyrannei des Trainer-Dresscodes zerschmettern”, freute Rory Smith in der Times. Bis es soweit ist, hat Pep schon mal  den gelben TDD gründlich zerbröselt. Ob sich die englische Institution von diesem Schock erholen kann, ist fraglich. Am Montag kam der einzige lustige, unterhaltsame Deadline-Clip des Tages aus Italien - und stellte sich hinterher dazu auch noch als Fake heraus. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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