vergrößernverkleinern
SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein analysiert das Märchen von Leicester City © SPORT1 Grafik: Getty Images

Leicester City steht in der Premier League vor dem Titelgewinn. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein erklärt das Märchen um den Underdog.

"Wir alle sind Leicester City", schrieb Iker Casillas neulich (frei übersetzt) auf Twitter, das ist auch auf der Insel zunehmend so.

Die Foxes haben es mit ihrem als märchenhaft empfundenen Lauf an der Tabellenspitze schon vor dem (möglichen) Sieg in der Meisterschaft etwas geschafft, was in England eigentlich unmöglich ist: sie sind zum großen Konsens-Klub avanciert, zu einer "Bande von Freiheitskämpfern gegen das System" (Observer), der jeder die Daumen drückt, sogar das System selbst.

Für Premier-League-Boss Richard Scudamore, der seit der Neu-Gründung der ersten Liga vor 24 Jahren nur fünf verschiedene Champions präsentieren konnte, ist Leicesters Überraschungserfolg äußerst willkommen: ab und an müssen Träume ja tatsächlich in Erfüllung gehen, damit alle fest dran glauben.

Prinz William fiebert mit

Selbst Prinz William hat diese Woche in seiner Rolle als Verbandsvorsitzender ganz undiplomatisch Partei für Claudio Ranieris Truppe ergriffen.

Leicesters Meisterschaft wäre "gut für den Fußball", wurde der erklärte Aston-Villa-Fan zitiert, "ich kann es gar nicht erwarten, dass sie die Liga gewinnen", soll er laut Ohrenzeugen bei einem Empfang im Wembley-Stadion gesagt haben.

Etwas kühl auf den völlig verdienten Hype um das Team aus den Midlands reagieren die unweit ansässigen Anhänger von Nottingham Forest.

Leicester soll wiederkommen, wenn sie nicht nur die Meisterschaft, sondern auch zwei Mal den Europapokal gewonnen haben, rümpfen sie die Nase.

Forest wurde 1977/78 unter dem legendären Trainer Brian Clough als Aufsteiger Meister und holte in Folge den Henkelpott gleich doppelt.

Das geschah allerdings zu einer Zeit, als man im Landesmeister-Wettbewerb nach nur vier Runden im Finale stand und die englische Liga nur einen echten Spitzenklub (Liverpool) kannte und deswegen reihenweise Überraschungsmeister produzierte. Von 1961 bis 1981 gab es hier elf verschiedene Champions.

Ranieri mit simpler Taktik

Leicesters Leistung im Zeitalter der Champions League und Milliardärsklubs mutet deswegen noch beeindruckender an.

Video

Über Ranieris simple, enorm effektive Kontertaktik mit Jamie Vardy ("er ist kein Fußballer, er ist ein fantastischer Rennhengst", sagt der Italiener) und seine leicht altmodisch anmutenden Motivationstricks - nach Spielen zu Null lädt er die Mannschaft zu Pizza bei "Peter Pizzeria" am Welford Place ein - ist bereits viel geschrieben worden, doch die eigentliche Leistung des Vereins ist es, derart viele gute Spieler zu vergleichsweise kleinen Preisen gekauft zu haben.

Shinji Okazaki war mit umgerechnet elf Millionen Euro der teuerste Transfer. Zu diesem Tarif hat Mainz 05 den umtriebigen Japaner sehr gerne abgegeben, doch aus Sicht von Leicester war er ein Schnäppchen.

Der 29-Jährige passt mit seinem enormen Arbeitspensum perfekt ins System und hat fünf wichtige Tore geschossen und nur zwei Ligaspiele verpasst. Zweikampfmonster N’Golo Kanté, der auch im Training keinen Grashalm neben dem anderen lässt, spielte vor drei Jahren noch in der französischen Liga. Leicester könnte den frisch gebackenen Nationalspieler heute locker für das fünffache dessen verkaufen, was sie 2013 an Caen (acht Millionen Euro) zahlten.

Clever auf dem Transfermarkt

Christian Fuchs, ablösefrei vom FC Schalke verpflichtet, erwies sich ebenfalls als Volltreffer.

Leicesters Cleverness auf dem Transfermarkt ist der düpierten Konkurrenz natürlich nicht entgangen. Arsenal verpflichtete vor ein paar Monaten City-Scout Ben Wrigglesworth, der mit seinen 24 Jahren als Wunderkind in der Branche gilt.

Leicester-Fan Gary Lineker behauptete zwar, dass Wrigglesworth' Vorgesetzter Steve Walsh das eigentliche Genie sei - er hatte beispielsweise den Algerier Riyad Mahrez bei Le Havre entdeckt und für eine halbe Million Euro gekauft - doch Arsenals Abwerbung von Wrigglesworth zeigt, wie hoch die Wertschätzung für die Kaderplanung der im Vorjahr noch beinahe abgestiegenen Füchse ist.

Sechs Spiele stehen nun noch aus. Und vier Siege würden schon reichen, um das Wunder perfekt zu machen.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel