vergrößernverkleinern
SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein schreibt über die chinesischen Interessenten am FC Liverpool © SPORT1/Getty Images

Chinesische Investoren sind am FC Liverpool interessiert. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein erklärt, warum ein Deal Sinn machen könnte und wer die Interessenten sind.

Im März bekam der FC Liverpool Post aus China. Ein Konsortium namens SinoFortone, das bereits sechs Milliarden Euro in andere Projekte auf der Insel investiert hatte, fragte bei den amerikanischen Vereinseigentümern FSG nach, ob man sich nicht zu Übernahmegesprächen treffen wolle.

Insider, die über SinoFortones Absichten informiert waren, sprachen atemlos von einem potenziellen "game changer" für den Klub und die ganze Stadt: Die Chinesen wollten dem Vernehmen nach nicht nur LFC kaufen, sondern auch noch ein neues Riesen-Stadion neben den Hafendocks errichten und die Reds zum mächtigsten Verein auf der Insel aufbauen. Die Aufregung regte sich dann jedoch schnell wieder.

FSG hatte kein Interesse, den 2010 für 340 Millionen Euro gekauften Traditionsklub zu veräußern. SinoFortone bekam eine Absage. Fünf Monate später wedelt der nächste Bewerber aus dem Reich der Mitte mit einem Sack voll Renminbi. Eine Firma namens Everbright, die vom chinesischen Staatsfonds (356 Milliarden Euro) kontrolliert wird, will im Verbund mit der Londonerin Amanda Staveley von PCP Capital Partners die Reds schlucken, angeblich für umgerechnet 800 Millionen Euro.

Video

Auch dieses Mal hat FSG kategorisch erklärt, dass ein Verkauf nicht zur Debatte stünde. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Die Amerikaner haben eine Londoner Bank beauftragt, diskret die Möglichkeit einer Minderheitsbeteiligung der Chinesen zu prüfen. FSG-Mitbesitzer Tom Werner erklärte im Liverpool Echo, dass man über einen strategischen Partner als Investoren nachdenken könne.

Liverpool könnte 160 Millionen einnehmen

LFC, so mutmaßen Experten, könnte beispielsweise 10 oder 20 Prozent an Everbright  veräußern, damit zwischen 80 und 160 Millionen Euro kassieren, und so den Ausbau des Stadions und des neuen Trainingszentrums vorantreiben - ohne währenddessen bei Spielertransfers sparen zu müssen.

Jürgen Klopp hat im Sommer knapp 80 Millionen Euro für Verstärkungen ausgegeben, aber fast die gleiche Summe mit Verkäufen erzielt. Die Chinesen würden als Junior-Partner wohl einen Preisnachlass bekommen; das heißt, sie würden die Anteile leicht unter Wert erwerben.

Video

Ob das als Anreiz ausreicht, muss sich erst herausstellen. Staveley meint es jedenfalls ernst. Sie war bereits 2008 an der Anfield Road vorstellig geworden, damals mit Geldgebern aus Dubai im Rücken. Liverpool lehnte ab.

Zwei Jahre später versuchte es die bestens vernetzte Deal-Macherin erneut, im Auftrag von Scheich Mansour aus Abu Dhabi. Allerdings bei einem anderen englischen Klub: Manchester City sagte yes.

Liverpool, dem zweitbeliebtesten Premier-League-Verein nach Manchester United in Fernost, passt perfekt ins Beuteschema chinesischer Investoren, die bereits Internazionale, AC Milan, Wolverhampton Wanderers, West Bromwich Albion und Aston Villa kontrollieren.

"Es geht nicht um Fußball"

Die Übernahme der englischen Klubs wird von Peking systematisch gesteuert und von der britischen Regierung unterstützt, weil sie den Weg für andere Investitionen in den strukturschwachen Norden der Insel ebnet, glaubt Simon Chadwick, Professor für Sportwirtschaft an der Salford Business School. “Es geht nicht nur um Fußball, sondern um Networking”, sagte er dem Guardian.

Die chinesische Offensive stellt FSG nun vor eine schwierige Wahl. Rein finanziell würde es Sinn machen zu warten, weil der Wert aller englischen Klubs im Zuge des neuen Fernsehvertrags (etwa vier Milliarden Euro, jährlich) weiter steigen wird. Rein sportlich gesehen könnte Liverpool das frische Geld jedoch dringend gebrauchen, um nicht dauerhaft den Anschluss an die Rivalen aus Manchester zu verlieren. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel