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Manchester Citys Trainer Pep Guardiola hat Torwart Joe Hart rasiert. Anderswo wäre dies so nicht so einfach möglich gewesen, glaubt Kolumnist Raphael Honigstein. © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images

London - SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein schreibt über die Degradierung von ManCitys Idol Joe Hart durch Pep Guardiola. In anderen Ländern wäre dies nicht möglich gewesen.

"The season of the super gaffers” (Fourfourtwo), die Saison der Superbosse, ist erst eine Woche alt. Aber schon jetzt zeigt sich, dass Kaiser Mou und König Pep, die neuen Herrscher auf der Fußballinsel, mit eiserner Hand regieren. Während bei Manchester United der deutsche WM-Held Bastian Schweinsteiger abrupt zu den Azubis abgeschoben wurde und sich die Zukunftsaussichten von Ikone Wayne Rooney zunehmend verdüstern, hat Guardiola ein paar Kilometer weiter überraschend schnell und brutal Joe Hart rasiert.

Der englische Nationaltorhüter spielte weder beim 2:1 gegen Sunderland noch drei Tage darauf gegen Steaua Bukarest in der Champions League und steht kurz vor einem Wechsel zum FC Everton, der eher eine Flucht ist: Guardiola will Barcelonas Claudio Bravo als Nummer eins im Etihad installieren. 

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Hart, 29, hatte dem Vernehmen nach bereits vor seinen Patzern bei der Europameisterschaft berechtigte Sorge, dass er als eher altmodischer Keeper mit arg limitierten Passspiel seinen Stammplatz unter dem Ballbesitz-Fundamentalisten Guardiola verlieren könnte. Dass der Katalane Hart umgehend aussortierte, kam trotzdem recht unerwartet. Der Schlussmann ist in zwölf Jahren in den Eastlands zur großen Identifikationsfigur geworden; die Fans spüren, dass ihm - anders als so manchem ausländischer Profi - der Erfolg der Vereins unheimlich wichtig ist.

Nach Niederlagen in Spitzenspielen oder Pleiten gegen Underdogs war er oft der einzige City-Star, der sich den Fragen der Presse stellte. Hart ist für die Hellblauen das, was John Terry für Chelsea und Steven Gerrard für Liverpool sind bzw. waren: der ehrgeizige, einheimische Leistungsträger, der den ganzen Sauladen zusammenhält. 

Guardiolas Entscheidung ist rein fußball-technisch nachvollziehbar, zeigt aber auch, dass der Katalane gewillt ist, für seine Spielidee gewachsene mannschaftliche Strukturen auf einen Schlag platt zu machen. Ohne Hart, den Kopf, das Gesicht und die Seele des kleinsten Spitzenvereins der Welt, ist City eine x-beliebige Ansammlung von Talenten und Könnern, die auch überall sonst auf der Welt kicken könnten.

Identitätsstiftend sollen in naher Zukunft nicht mehr ein oder zwei Anführer auf dem Platz sein, sondern allein der Plan, die Ideologie, die gemeinsame Arbeit. Guardiolas Revolution fällt so weitaus radikaler als in Barcelona und München aus, weil er sich in Manchester gezwungen sieht, das neue System gänzlich ohne verdiente Lokalpatrioten umzusetzen. 

Die Personalie Hart verdeutlicht ebenfalls, wie viel Macht die meisten Trainer in der Premier League besitzen. Guardiola und seine namhaften Kollegen sind tatsächlich Superbosse, die Verein und Team nach ihren eigenen Wünschen umbauen können. Diese autokratischen Verhältnisse bergen aber auch Gefahren, da sie kurzfristiges Erfolgsdenken befördern, und sich die Mini-Diktatoren auf der Insel in keinster Weise um das Gemeinwohl scheren.

In Spanien oder Deutschland hätte Guardiola einen Nationalhelden wie Hart - der anders als Bastian Schweinsteiger 2014 in München nie verletzt fehlte und nie mit einem Abschied liebäugelte - sicher nicht so klanglos aus spieltaktischen Gründen abservieren können. Aus der sportlichen Führungsebene der Vereine wäre Widerstand oder zumindest diskreter Widerspruch gekommen; man hätte Guardiola angehalten, dem Fan-Liebling und Nationalmannschaftsidol noch einmal eine Chance zu geben. Effektive sportliche Führungsebenen oberhalb der Trainer gibt es in den englischen Topklubs jedoch nicht. Und Menschen, die sich um das Wohl der englischen Auswahl und ihrer wichtigsten Spieler sorgen würden, erst recht nicht. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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