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Raphael Honigstein beleuchtet das emotionale Duell zwischen Antonio Conte und Jürgen Klopp © SPORT1-Grafik: Getty Images

Conte vs Klopp. Es ist das Duell zweier ähnlicher Trainer mit viel Leidenschaft und Emotionen. In das direkte Duell gehen sie aber mit unterschiedlichen Erwartungen.

Knüppelharte Trainingsmethoden, die Vorstellung von Fußball als praktiziertem Kollektivismus und Extremsport, Leidenschaft bis zur Erschöpfung an der Seitenlinie: Antonio Conte und Jürgen Klopp weisen einige Gemeinsamkeiten auf. Vor dem ersten Treffen an der Stamford Bridge mit Chelsea und Liverpool (ab 21 Uhr im LIVETICKER) ist die Vorfreude bei dem Duo allerdings etwas ungleichmäßig verteilt.

Das System Conte

"Der Freitagabend ist einer der schönsten Zeitpunkte, um Fußball zu spielen - los geht's!", rief der Liverpool-Trainer seiner Mannschaft vor der Abreise in die britische Hauptstadt aufmunternd zu. "Für mich ist Liverpool in diesem Moment der schlimmste denkbare Gegner für uns", stapelte dagegen Conte, der neue Boss bei den Blues, tief.

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Die Ansetzung in West-London hat zwar nicht ganz die globale Tragweite wie das Derby-Duell Mourinho gegen Guardiola in Manchester am vergangenen Samstag, könnte dafür aber neue Maßstäbe in Sachen Intensität setzen. In nur drei Monaten im Amt hat Conte aus dem launischen, seltsam unmotivierten Chelsea-Team des Vorjahres eine beinharte Kampftruppe gemacht, die in ihrer Verbissenheit und taktischen Disziplin stark an Mourinhos Doppel-Meistertruppe von 2004/05 und 2005/06 erinnert.

Ganze sieben Torschüsse (und vier Gegentore) hat Contes Elf dank den Ballgewinnungskünsten von N'Golo Kante und der harten Arbeit seiner Vordermänner im neuen 4-1-4-1-System zugelassen. "Wir sind viel widerstandsfähiger und konstanter geworden," erklärt Spielmacher Oscar. 

Kein großer personeller Umbruch

Conte hätte gerne noch einen zentralen Mittelfeldmann verpflichtet - Radja Nainggolan vom AS Rom wäre sein Wunschspieler gewesen - doch auch ohne den großen personellen Umbruch tritt Chelsea wie verwandelt auf. Am Verzicht auf Ketchup und andere Saucen, die Conte aus der Kantine in Cobham im Sommer verbannt hat, wird es nicht liegen, dass die Londoner leichtfüßiger auftreten. Der neue Übungsleiter aus Apulien hat seine Jungs mit Doppel- und Dreifach-Training in der Vorbereitung fit gemacht.

Die Konzentration auf ein Spiel pro Woche - Chelsea ist nach der letztjährigen Horrorsaison mit Platz zehn international nicht vertreten - erlaubt diese höhere Belastungsdosierung und stärkt zudem Conte in der Mannschaftsführung den Rücken. Er hat weniger Anlass zu rotieren - und somit mehr Macht.

Ein erstes prominentes Opfer hat das neue Regime bereits gefordert. Cesc Fabregas kam bisher nur 28 Minuten als Einwechselspieler zum Einsatz, der Spanier wird auch gegen Liverpool nicht in der Startelf stehen. "Ich bin sehr ehrlich mit meinen Spielern: wenn sie es verdienen, spielen sie", sagte Conte, auf den 29-Jährigen angesprochen: "Er ist dabei, sich defensiv zu verbessern."

Im Gespräch mit Sky-Experte Thierry Henry, der vor seinem Wechsel zu Arsenal mit Conte bei Juventus spielte, verdeutlichte der Trainer - ohne Fabregas namentlich zu nennen - seine Management-Philosophie: "Wenn jemand im Training keine gute Einstellung zeigt oder sich in anderen Situationen nicht gut benimmt, kille ich ihn. Denn wenn ein Coach seine Augen schließt und wegschaut, verliert er die Kabine."

Beeindruckende Heimstärke

Conte hat seit Januar 2013 (1:2 mit Juventus gegen Sampdoria) kein Heimspiel verloren. Diese Serie muss heute Abend ohne John Terry bestehen, Rückkehrer David Luiz ersetzt den verletzten Kapitän. Der Brasilianer war nicht Contes erste Wahl und passt mit seinem Hang zu abenteuerlichen Ausflügen auf den ersten Blick nicht perfekt ins System. Liverpools äußerst bewegliche, flexibel angreifende Offensivabteilung um Sadio Mane wird dem 29-Jährigen einiges abverlangen.

Für Liverpool, das nach dem 4:1-Sieg über Meister Leicester City mit sehr viel Schwung an die Themse kommt, stellt Daueragitator Diego Costa (vier Tore, drei Gelbe Karten) die größte Gefahr da. "Er ist Weltklasse, ein echter Krieger", warnte Klopp, "wir müssen aggressiv sein. Im Freundschaftsspiel-Modus hast du gegen ihn keine Chance."

Ein Freundschaftsspiel wird es mit Sicherheit nicht werden, eher ein Hochgeschwindigkeits-Spektakel mit tabellarischer Signifikanz: Der Gewinner darf sich einstweilen als schärfster Verfolger von Spitzenreiter Manchester City fühlen.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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