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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein spricht über den Wechsel-Wahnsinn und die Top-Transfers der Premier League © getty images

London - SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein zieht eine Bilanz des Transfer-Wahnsinns in England und nennt seine Top-Verpflichtungen der Premier League.

"Wer hat deiner Meinung nach die besten Deals dieses Transferfensters gemacht?", fragte mich ein englischer Fernsehkollege kurz nach 23 Uhr per WhatsApp. Die Uhr für Wechsel auf der Insel war wenige Minuten zuvor "dramatisch abgelaufen", wie Sky-Moderator Jim White atemlos erklärte. Klar: Uhren können am gelb angespinselten Deadline Day nur dramatisch ablaufen.

Die Frage selbst, das merkten wir beide nach dem Austausch einiger unergiebiger Nachrichten, war jedoch gar nicht so einfach zu beantworten. Denn welchen Maßstab soll man hier anlegen?

Wenn die braven Abstiegskandidaten vom FC Watford in letzter Sekunde zwölf Millionen Euro für Hertha-Abwehrbrocken John Brooks bieten, Man City für 55 Millionen Euro Innenverteidiger John Stones (Everton) verpflichtet oder Chelsea für 35 Millionen Euro David Luiz von Paris Saint-Germain zurück holt, ist das aus deutscher Sicht alles herrlich amüsant, aber aus Sicht der jeweiligen Klubs doch nur logisch.

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Denn anders geht es nicht mehr. Rund 1,4 bis 1,5 Milliarden Euro haben die 20 Top-Klubs diesen Sommer ausgegeben, also im Schnitt 70 bis 75 Millionen.

Sehr viel Geld ist in der englischen Top-Liga schon seit zwanzig Jahren da, es war nur lange Zeit weniger gleichmäßig verteilt.

Der neue, zuzüglich der Auslandsrechte etwa 3,2 Milliarden Euro schwere Fernsehvertrag (pro Jahr!) hat Mittelklasse- und Kleinvereine auf ein völlig neues Niveau gehievt; mit finanziellen Möglichkeiten, mit denen man erstmal klar kommen muss.

Die Spitzenvereine sind nun ebenfalls reicher, müssen dafür aber auf Grund der hoch-inflationären Entwicklung des Marktes in In- und Ausland deutlich mehr zahlen.

Nur 430 Millionen Euro, also etwa ein Viertel des Gesamtvolumens, wurde für Spieler ausgegeben, die bereits in der Premier League spielen und so zwangsläufig teurer waren.

Die Verhältnisse haben sich insgesamt so dramatisch verschoben, dass es so etwas wie objektiv gute Deals fast gar nicht mehr gibt. Man muss die Transfers ausschließlich nach den Möglichkeiten, Bedürfnissen und Zwängen der einzelnen Klubs bewerten. Hier sind, streng nach diesen Kriterien, meine Top Ten, in alphabetischer Reihenfolge:

  • Claudio Bravo, 20 Millionen Euro, Barcelona zu Man City

Bravo ist der Keeper, der Nationaltorwart Joe Hart den Posten gekostet hat. Die englischen Medien werden ihn ganz besonders argwöhnisch beobachten, Guardiola ist sich aber sicher: nur mit dem ballfertigen Chilenen im Kasten kann City sein Passspiel aufziehen.

  • Ilkay Gündogan, 25 Millionen Euro, Dortmund zu Manchester City

Die Fitnessprobleme des Nationalspielers machen den Deal zum leichten Risiko, aber in Topform wird der Mittelfeldregisseur nicht weniger als der Schlüsselspieler in Pep Guardiolas Team sein; der Mann, der Tempo und Statik verändert.

  • Pierre-Emile Hojbjerg, 15 Millionen Euro, Bayern München zu Southampton

Ein guter Deal für Bayern. Aber eben auch für die Saints. Der 21-Jährige war im Auftaktspiel gegen ManUnited bereits so stark, dass man ihn nächstes Jahr mindestens für die doppelte Summe weiterverkaufen könnte. 

  • Zlatan Ibrahimovic, ablösefrei, Paris St-Germain zu Man United

Ein Superstar zum Nulltarif. Nun, nicht ganz: das Gehalt ist astronomisch. United kann sich diese Extravaganz jedoch leisten. Nur ganz wenige Spieler liefern verlässlich Tore und schöne Schlagzeilen. Zlatan ist so einer.

  • N’Golo Kanté, 34 Millionen Euro, Leicester City zu Chelsea

Kanté hat überschaubare Fähigkeiten am Ball, doch eine besser funktionierende Zweikampfmaschine gab es nicht auf dem Markt. Zudem fast schon preiswert.

  • Bartosz Kaputka, 5 Millionen Euro, Cracovia (Krakau) zu Leicester City

Ein Schnäppchenpreis für den offensiven polnischen Nationalspieler. Zwei gute Spiele, und er ist mindestens das dreifache Wert. In der Premier League selbst, zumindest.

  • Sadio Mané, 35 Millionen Euro, Southampton zu Liverpool

Raketenmann Mané war vor zwei Jahren für weniger als die Hälfte zu haben, damals schnitt er jedoch in der internen Bewertung von Liverpools Computeranalysten zu schlecht ab. Der Fehler hat viel Geld und noch mehr Punkte gekostet, wurde aber immerhin behoben. Mané ist jener Topspieler auf dem Flügel, den der Kader nötig hatte.

  • Ahmed Musa, 20 Millionen Euro, ZSKA Moskau zu Leicester City

Ein klassischer Leicester-Transfer: einfach clever. Der Nigerianer ist höllisch schnell, die perfekte Waffe für Konter und späte Entscheidungen.

  • Paul Pogba, 120 Millionen Euro (plus Beratergebühren!), Juventus zu Manchester United

Der teuerste Spieler der Welt, in einer Position, die United nicht unbedingt füllen musste. Und trotz allem ein Riesen-Deal: Die Verpflichtung des Franzosen war nach den verlorenen Post-Fergie-Jahren eine Machtdemonstration, eine gigantische PR-Kampagne und Kampfansage.

  • Ashley Williams, 15 Millionen Euro, Swansea City zu Everton

Viel Geld für einen 32-Jährigen, dem es an Mobilität mangelt. Aber Williams, ein Top-Profi und Kabinen-Anführer, verpasste in den vergangenen drei Jahren nur sieben Ligaspiele. Everton brauchte so einen Mann mit Autorität.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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