vergrößernverkleinern
Raphael Honigstein über das Duell Klopp vs. Mourinho
SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein beleuchtet das Duell Klopp vs. Mourinho © SPORT1-Grafik/Getty Images/Imago

Vor dem brisanten Derby zwischen dem FC Liverpool und ManUnited scherzt Jürgen Klopp, Jose Mourinho dagegen grummelt. Das liegt auch an den Leistungen ihrer Teams.

"Wir haben unsere Spieler schon auf die Streckbank gelegt", scherzte ein gut gelaunter Jürgen Klopp am Freitag.

Der lockere Spruch spielte zum einen auf den Höhenvorteil des Gegners an ("Wir können an der physischen Power von Manchester United nichts ändern - wir können nur versuchen, sie daran zu hindern, diese auszunutzen"), war aber auch dazu geeignet, dem Nordwest-Derby ein wenig die etwas übertriebene Bedeutungsschwere zu nehmen.

Ganz Großbritannien erwartet von dem Rot-Rot-Klassiker zwischen dem FC Liverpool und Manchester United am Montagabend (ab 21 Uhr im LIVETICKER) ja nichts weniger als ein monumentales, wegweisendes Ergebnis, eine präzise Verortung der beiden Klubs im Titelrennen, und dazu - bitte sehr, wenn es geht - auch gleich noch ein abschließendes Urteil über die Motivationskünste und Taktik-Kniffe der Kontrahenten.

Bei aller Freude über "ein Match, dem die ganze Welt zusehen wird", die Klopp im Vorfeld glaubhaft transportierte, weiß der 49-Jährige jedoch, dass dem Fußball der ganze Hype drumherum oft herzlich egal ist.

Video

Das Mega-Monster-Trainer-Titanen-Duell "Normal One" vs. "Special One" kann ganz schnell mal doof 0:0 ausgehen - oder eben noch doofer, mit 1:0 für ManUnited, weil irgendeinem von Mous Riesen im Strafraum der Ball auf den Kopf fällt.

Also: erstmal halblang. "In einer einzigen unkonzentrierten Sekunde kannst du das Spiel verlieren. Das ist so", sagte Klopp: "Alle scheinen das Gefühl zu haben, dass wir auf einem guten Weg sind, und United nicht. Aber der Unterschied zwischen den beiden Mannschaften ist nicht sehr groß: Es sind nur drei Punkte in der Tabelle. Das ist gar nichts."

Gefühlt trennen die Erzrivalen aktuell wirklich sehr viel mehr als diese läppischen drei Zähler. Klopps Liverpool ist buchstäblich in Schwung gekommen, sein Team agiert in der laufenden Spielzeit bis auf einen Ausreißer nach unten (0:2 bei Aufsteiger Burnley) wie man es sich an der Mersey von einer Klopp-Mannschaft erhofft hatte: schnell, zielstrebig, mitreißend.

United wirkt im Vergleich träge und schwerfällig, eine Ansammlung von individuellen Stars (Paul Pogba, Zlatan Ibrahimovic) und Ex-Superstars (Wayne Rooney), die mehr neben- als miteinander spielen.

Eine Netto-Transferbilanz von minus 165 Millionen Euro (Gehälter nicht mitgerechnet) bei den Red Devils macht die schleppende Entwicklung noch enttäuschender, während umgekehrt die schwarze Null, die Liverpool im Sommer schrieb, den positiven Eindruck noch verstärkt.

Die Daily Mail mutmaßte bereits, dass Mourinho in der zunehmend von Gegenpressing-Gurus wie Klopp, Mauricio Pochettino (Tottenham Hotspur) und Pep Guardiola (Manchester City) dominierten Liga mit seiner abwartenden Spielweise "ein Mann von gestern" sei. "Klopp steht für die Moderne, das bauscht sein Image auf", schrieb der Guardian: "Mourinho wirkt dagegen vertraut - und deswegen schwächer. Er läuft Gefahr, zur Vergangenheit zu werden."

"Hat Mourinho nicht mehr den gleichen Einfluss wie früher auf seine Spieler?", wurde Klopp von einem Reporter gefragt. Der Schwabe verneinte kollegial und entschieden. "Wer sagt sowas? Vier Leute in Liverpool? Bullshit. Absoluter Mist."

Der Portugiese merkt natürlich, woher auf der Insel der Wind weht. Er begegnete den Reportern vor der Abreise recht mürrisch. Über Klopps einjährige Amtszeit, die Ende Oktober 2015 mit einem 3:1-Auswärtssieg bei Mourinhos Chelsea ihren ersten Höhepunkt erlebte, wollte er sich nicht äußern.

"Ich habe nichts zu sagen", beschied er gefühlskalt. Immerhin gab er zu verstehen, dass er kein Freund von Klopps Ganzkörper-Leidenschaft auf und vor der Trainerbank sei. "Ich stehe an der Seitenlinie, um zu coachen", grummelte er, "nicht um..." Theatralisches Händewackeln vollendete den Satz ohne Worte.

Von einem besonderen Abend mit Symbolkraft wollte der 53-Jährige erwartungsgemäß ebenfalls nichts wissen. "Die Saison ist für mich nicht das Match in Anfield, und auch nicht das Rückspiel im Old Trafford im Juni", gab er ungerührt zu Protokoll: "Es gibt diese Saison so viele Spiele, so viele Partien, so viele Punkte zu gewinnen."

Das stimmt natürlich - will aber bis zum Schlusspfiff an der Anfield Road garantiert niemand wissen.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel