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Jose Mourinho und Pep Guardiola
Jose Mourinho (M.) und Pep Guardiola (r.) treffen im League Cup aufeinander © SPORT1-Grafik: Eugen Zimmermann/Getty Images/dpa Picture Alliance

London - Manchester United und Jose Mourinho sind kaum wiederzuerkennen. Vor dem Pokal-Duell mit ManCity analysiert SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein die Krise.

Mourinho in Manchester, das sei "ein bisschen ein Desaster", sagte ein prominenter Experte in einem Sky-Interview vor dem Ligapokal-Derby United gegen Pep Guardiolas City am Mittwochabend (21 Uhr im LIVETICKER).

Der Portugiese gibt normalerweise nicht viel auf die Meinung der "Fußball-Einsteins", wie er seine Kritiker kürzlich sarkastisch bezeichnete, wird hier aber vielleicht eine Ausnahme machen. Der Befragte war nämlich Mourinho selbst.

Das "Desaster" bezog sich auf sein Einsiedler-Leben in der Penthouse-Suite des Lowry-Hotels, fernab von der in London verbliebenen Familie, und kam letztlich einem Eingeständnis gleich: Mourinho ist momentan nicht "special", sondern vielmehr "the Unhappy One".

Die miese Laune dürfte auch mit den enttäuschenden Ergebnissen zusammenhängen. Tabellenplatz sieben nach neun Liga-Partien mit drei Niederlagen entspricht bis auf ein Tor genau der unerquicklichen Auftaktbilanz von Vor-Vorgänger David Moyes; der im Old Trafford völlig überforderte Schotte war über die ersten vierzehn Partien in allen Wettbewerben gesehen sogar noch eine Spur erfolgreicher gewesen. 

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Uniteds B-Note ist seit diesem peinlichen Intermezzo ebenfalls nicht grundlegend besser geworden. Mit Mourinho, so hatte man bei den Red Devils erhofft, würde zumindest knallharter Ergebnisfußball einziehen, doch die enttäuschenden Resultate, gerade in den Top-Duellen, führen die destruktive Spielwiese ad absurdum.

"Anstelle des alten, mürrisch-defensivstarken Mourinhos erweist sich der Trainer als eine Art unglücklicher Zwitter: Er ist nicht mehr so gut darin, die Abwehr zu organisieren, auf dem Transfermarkt zu agieren oder Teams in Maschinen zu verwandeln. Dafür ist er aber immer noch genauso mürrisch", schrieb der Guardian.

Wo ist der Spaß an der Freud geblieben, der Elan, das unerschütterliche Selbstvertrauen auf dem Platz, das unter Alex Ferguson Punktverluste quasi unvorstellbar machte? Mourinho hat es trotz seiner großen Einkaufstour im Sommer bisher nicht annähernd geschafft, den nunmehr seit drei Jahren vor sich hin kränkelnden Spitzenklub a.D. sportlich auf höheres Niveau zu führen. 

Schon hört man aus dem Trainingszentrum Carrington erste Klagen, Mourinho würde kaum mit den Spielern reden, und das Training größtenteils Assistent Rui Faria überlassen. Auch Ferguson hielt nicht viel von täglicher Übungsarbeit - für die schnöden Details waren bei ihm andere zuständig - aber der Schotte verstand es, seine Truppe mit einer subtilen Mischung aus autokratischem Druck und väterlichem Charme regelmäßig zu Höchstleistungen zu animieren.

Mourinho beherrschte dieses emotionale Wechselspiel selbst einst perfekt. Doch der 53-Jährige wirkt in diesen Wochen eindimensional, er schlägt seit Wochen den gleichen, harschen Ton an. Er wirkt unzufrieden, grantig, lustlos. 

Man muss fairerweise anführen, dass die seit 2013 kontinuierlich-chaotisch zusammengeschraubte Mannschaft noch nicht vollständig die seine sein kann. Mourinho wird nach der Ausbootung von Wayne Rooney und Bastian Schweinsteiger ein bisschen Zeit brauchen, neue Strukturen zu schaffen.

Der aktuellen Elf fehlt es an Esprit und Geschwindigkeit, der gewünschte Konterfußball lässt sich mit ihr nicht spielen. Trotz alledem beschleicht einen jedoch das Gefühl, dass Mourinhos offen zur Schau gestellter Unmut nicht nur eine Konsequenz der sportlichen Probleme darstellt, sondern einen ihrer Gründe.

Die notwendige Neuerfindung wird sich eher schwerlich mit einem Projektleiter stemmen lassen, der soviel bockigen Trübsinn verströmt.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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