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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein lobt Jürgen Klopp für dessen bisheriges Abschneiden in Liverpool © Getty Images/SPORT1 Grafik: Marc Tirl

London - Zum Einjährigen von Jürgen Klopp beim FC Liverpool analysiert SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein das Abschneiden des deutschen Teammanagers. Sein Fazit fällt positiv aus.

Am 8. Oktober jährt sich Jürgen Klopps Ankunft beim FC Liverpool zum ersten Mal. Dem 49-Jährigen ist das aber ziemlich egal.

"Ich habe keine Lust, Bilanz zu ziehen", sagte er Anfang der Woche demonstrativ unsentimental, "wir werden nicht feiern, hoffentlich bringt mir keiner einen Kuchen. Okay, es ist ein Jahr, ich bin ein Jahr älter und dieser ganze Mist. Aber bin ja nicht hier, um ein Jahr zu bleiben, sondern hoffentlich langfristig."

Ob es am Ende 20 Jahre auf der Reds-Bank werden wie bei Kollege Arsene Wenger, der zum Dank vom FC Arsenal eine gravierte 4,50-Euro-Vase überreicht bekam, ist noch nicht absehbar.

Ob das von den englischen Buchmachern nach Tabellenführer Manchester City als zweit-aussichtsreichster Kandidat für die Meisterschaft eingeschätzte Klopp-Team das hohe Auftakt-Tempo (fünf Siege in sieben Spielen) halten kann, muss sich auch noch erst erweisen.

Der Schwabe hat nach der übereinstimmenden Meinung von Fans, Spielern, Verantwortlichen und Medien nach zwölf Monaten allerdings schon ein enorm wichtiges Teilziel erreicht: Die Stimmung bei dem im Spätsommer 2015 völlig demoralisiert im Mittelfeld der Tabelle dahinsiechenden Verein hat sich unter seiner Ägide vollkommen gedreht. 

"Klopp hat es geschafft, dass Liverpool-Fans wieder Spaß daran haben, Liverpool-Fans zu sein", schrieb das Liverpool Echo in einer großen Würdigung von Klopps Einjährigem.

"Mit der Apathie auf den Rängen ist es vorbei. Fans haben Freude daran, ihre Mannschaft spielen zu sehen. Sie können es nicht erwarten, ins Stadion zu gehen. Die vergrößerte Haupttribüne trägt dazu bei, dass sich alles neu anfühlt. Anfield hat seine Stimme wiedergefunden - in einer Lautstärke, die es so konstant seit vier Jahrzehnten nicht mehr gab."

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Der ehemalige Dortmund-Coach kann seinen vielzitierten Spruch vom "Heavy-Metal-Fußball" zwar nicht mehr hören, aber sein Team ist dieser Idealvorstellung, einer Kombination aus Lärm, Drive, Geschwindigkeit und Härte (gegen den Ball), in Ansätzen schon recht nah gekommen. Und das ganz ohne einen Superstar vom Schlage eines Luis Suarez, der die Roten 2013/14 beinahe zum Titel geschossen hätte.

"Liverpool verzückte das Land vor drei Jahren mit einem Team, in dessen Mittelpunkt einer der besten Spieler stand, der je für den Verein spielte", schrieb der Daily Telegraph. "In der laufenden Saison begeistert die Tatsache, dass eine (echte) Mannschaft auf dem Platz steht."

Klopps Elf hat 2016/17 nicht nur die meisten Tore erzielt (18), sondern auch die meisten Schüsse abgegeben, die aufs Tor gingen (135).

Weil in Angriff und Mittelfeld das Pressing besser funktioniert - und Liverpool ohne die doppelte Belastung durch einen europäischen Wettbewerb auch stärker in der Lage ist, das Tempo bis zum Ende zu gehen - ist die Abwehr deutlich stabiler geworden.

Klopp hat es geschafft, den braven Mittelfeld-Rackerer James Milner in einen Linksverteidiger zu verwandeln, Kapitän Jordan Henderson zeigt als zentraler Spielgestalter vor der Defensive ungeahnte Passsicherheit.

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Am beeindruckendsten ist jedoch die Verbesserung des Positionsspiels. Liverpool, das in der Vorsaison außer manischem Gegenpressing und Kontern recht wenig zu bieten hatte, fühlt sich nun auch mit Ball am Fuß wohler und verfügt über Lösungen gegen die kleineren Gegner. 

Klopp, der im Oktober 2015 mit der quasi-religiösen Mission antrat, "aus Zweiflern Gläubige zu machen", hat der Anhängerschaft streckenweise schon gezeigt, wie das Paradies aussehen könnte.

Turbulenzen und Rückschläge sind auf dem Weg dorthin nicht auszuschließen, aber Zweifel an Klopps grundsätzlicher Eignung gibt es an der Mersey keine mehr.

"Wir hätten keinen passenderen Typ für diesen Verein finden können", sagt Liverpool-Geschäftsführer Ian Ayre. "Die Herausforderung ist groß, es wird noch rauf und runter gehen. Aber die Frage, ob wir den richtigen Mann für den Job gefunden haben, ist vollends beantwortet."

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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