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Raphael Honigstein (l.) beleuchtet die Lage von Bastian Schweinsteiger (r.) unter Jose Mourinho © SPORT1-Montage: Marc Tirl / Getty Images

London - Nach seiner Degradierung könnte Bastian Schweinsteiger am Mittwoch zu seinem ersten Einsatz unter Jose Mourinho kommen. Der portugiesische Wüterich wird gesperrt.

Rui Faria kann sich schon mal seine Wollmütze rauslegen. Der Portugiese, ältere Leser werden sich erinnern, erschien zum Champions-League-Viertelfinale zwischen Chelsea und dem FC Bayern im April 2005 mit einer schlecht sitzenden Kopfbedeckung und kratzte sich immer wieder auffällig am Ohr.

Hatte der Assistenztrainer der Blues einen Knopf im Ohr und erhielt über Funk Anweisungen von seinem Vorgesetzten? José Mourinho war von der UEFA wegen Schiedsrichterbeleidigung mit einer Stadionsperre belegt worden.

Eine Kontrolle durch einen Offiziellen an der Stamford Bridge ergab keine Auffälligkeiten, erst Jahre später stellte sich die Sache mit der Mütze als gekonntes Ablenkungsmanöver heraus: Mourinho hatte sich lange vor der Partie (4:2 für Chelsea) in die Kabine eingesperrt und hinterher in einem Wäschekorb aus dem Stadion schmuggeln lassen. 

Ähnliche Tricks könnten schon am Mittwochabend wieder vonnöten sein, denn Mourinho ist nach seinem Frust-Tritt gegen eine Wasserflasche beim 1:1 gegen West Ham United für das Spiel im Ligapokal gegen denselben Gegner gesperrt worden.

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Im Oktober war der 53-jährige Manchester-United-Coach ebenfalls auf die Tribüne verbannt worden (0:0 gegen Burnley), als Wiederholungstäter wird er wohl drei Spiele nicht auf der Bank sitzen dürfen. Der Verband entscheidet am Donnerstag über den Fall. Eine komplette Stadionsperre wird jedoch nicht erwartet. 

Probleme mit den Offiziellen sind weder für Mourinho noch ManUnited etwas Ungewöhnliches, unter Alex Ferguson gehörten Dauerfehden mit Verband und Schiedsrichtern quasi zum Programm. In der aktuellen, äußerst angespannten Situation   - es ist der schlechteste Saisonstart seit 27 Jahren - aber trifft die Strafe den Klub hart.

Mourinho, schon seit Monaten recht übel gelaunt und wankelmütig, wird als Verbannter vermutlich noch griesgrämiger auftreten. 

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Die Stimmung in der Kabine sei von Angst bestimmt, erzählt ein United-Insider; die Spieler könnten sich keinen Reim auf Mourinhos Entscheidungen machen und erlebten ihn als distanzierten, kaltherzigen Übungsleiter. Wo ist der spitzbübische Charme geblieben, die ansteckende Lust am Gewinnen und vor allem die bedingungslose Unterstützung seiner Mannschaft?

Mourinhos Aussetzer im Video

Anstatt sich nach enttäuschenden Ergebnissen hinter seine Spieler zu stellen, kritisiert Mourinho Kicker öffentlich oder lässt über Mittelsmänner Negatives verbreiten. Henrikh Mkhitaryan wurde auf diesen indirekten Wegen beispielsweise mangelnde Robustheit vorgeworfen, zudem soll sich der Armenier wiederholt über das Wetter in Manchester beschwert haben.

Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass er zuvor in Dortmund und Donezk gespielt hat. 

Ähnlich geartete Klagen von Bastian Schweinsteiger sind nicht überliefert, überhaupt hat der Münchner seine Ausbootung zu Saisonbeginn auf sehr clevere Weise kommentiert: nämlich gar nicht.

Zur Belohnung durfte der Weltmeister am Samstag erstmals auf der Bank sitzen, am Mittwoch (ab 21 Uhr im LIVETICKER) könnte er im Ligapokal gegen West Ham sogar sein Debüt unter Mourinho geben, wenn wohl nicht von Anfang an.

Paul Pogba und Marouane Fellaini sind gesperrt, Morgan Schneiderlin steht aus unbekannten Gründen beim Trainer auf der schwarzen Liste. Schweinsteigers bevorstehende Begnadigung hat auch eine finanzielle Komponente: United würde den 32-Jährigen gerne schon nach Weihnachten von der Gehaltsliste streichen.

Ein Interesse vom MLS-Klub Chicago Fire ist verbrieft, allerdings öffnet das Transferfenster in den USA erst Mitte Februar. Bis dahin wird Mourinho wohl den einen oder anderen Mann als Verstärkung dazu geholt haben, zunächst muss er jedoch dafür von der Tribüne aus sorgen, dass die Krise nicht zum totalen Desaster wie bei Chelsea im Vorjahr ausartet.

Inwieweit ihm dabei der seit August unterbeschäftigte Schweinsteiger oder gar Mützenmann Faria helfen können, wird man demnächst sehen. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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