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Raphael Honigstein über Jürgen Klopp
Raphael Honigstein analysiert die erfolgreiche Arbeit von Jürgen Klopp © SPORT1-Grafik/Getty Images

Liverpool setzt mit dem Offensivfußball Kloppscher Prägung Maßstäbe. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein analysiert, wie sich der Trainer weiterentwickelt hat.

Als sich in der Rückrunde der Saison 2013/14 der Abschied von Sadio Mane bei Red Bull Salzburg abzeichnete, bewarb sich Jürgen Klopps Borussia Dortmund um die Unterschrift des Senegalesen. "Ich war unheimlich aufgeregt und konnte nicht glauben, dass er mich für seine super Mannschaft wollte", erzählte der 24-Jährige am Dienstag goal.com.

Der Flügelstürmer war zur selben Zeit ebenfalls beim FC Liverpool in der Verlosung. Die Reds waren im Gegensatz zu den Schwarz-Gelben zwar grundsätzlich bereit, die geforderten Zehn-Millionen-Pfund-Ablöse (damals 14 Millionen Euro) zu zahlen, doch der Transfer scheiterte an anderen Zahlen: Liverpools Scouting-Software befand, Manes Performance-Werte seien nicht Premier-League-tauglich.

Diese Fehleinschätzung wurde zwischenzeitlich kostspielig korrigiert. Mane wechselte im Sommer für 30 Millionen Pfund von Southampton und spielt nun für beide: Klopp und Liverpool.

Man kann das, wenn man an übernatürliche Eingebungen glaubt, Schicksal nennen, oder einfach nur logisch. Der Wirbelwind (sechs Tore, zwei Vorlagen in elf Spielen) wirkt in der laufenden Spielzeit als unwiderstehlicher Teilchenbeschleuniger; erst durch ihn wurde Liverpool vollends zur (funktionstüchtigen) Klopp-Elf. 

Man muss bei den Gründen für die enorm verbesserten, konstant guten Leistungen des Tabellenführers also wirklich ganz vorne anfangen. Manes brasilianische Kollegen im Dreier-Angriff, Philippe Coutinho (fünf Tore, fünf Assists) und Roberto Firmino (fünf Tore, drei Assists) sind durch seine Beweglichkeit und Explosivität im letzten Drittel auf ein neues Niveau gekommen.

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"Weltklasse", nannte Kapitän Jordan Henderson das auch in der Arbeit gegen den Ball kaum zu bändigende Trio nach dem rauschenden 6:1-Erfolg gegen Watford, der Liverpool an die Tabellenspitze katapultierte. 30 Tore und durchschnittlich neunzehn Schüsse aufs gegnerische Tor pro Spiel sind auf der Insel unerreichte Top-Werte.

Dem Mittelfeld um Henderson, Emre Can und Adam Lallana mag es ab und an etwas an Abstimmung fehlen, die Defensive lässt noch etwas zu viele Chancen für den Gegner zu. Macht aber nichts, weil der Sturm (bis auf Jose Mourinhos ManUtd) alles wegfegt, was sich ihm in den Weg steht.

Klopp, der sich bei in einem gefeierten Auftritt als Fernseh-Experte bei Sky UK abermals als Gegenpressing-Fundamentalo ("besser als jeder Spielmacher") ausgab, hat insgeheim sein Spiel auf weitaus mehr Ballbesitz ausgerichtet und vor allem die Laufwege der Offensiv-Abteilung in zahlreichen Doppelschichten - spielfreie Tage unter der Woche machen es möglich - auf dem Trainingsgelände in Melwood metergenau durch-choreographiert.

Zwei Angreifer reißen regelmäßig mit diagonalen Sprints die Abwehrreihen auseinander, der dritte stößt in die Lücke. 

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Liverpool startete zuletzt 2002/03 unter Gerard Houllier so gut in die Saison, damals wurden die Roten am Ende jedoch nur Fünfter. Der Weg zum ersten Titel seit 1990 ist lang, beschwerlich und verschlungen, die Euphorie am Mersey (noch) gedämpft.

Klopp hat aus Dortmunder Zeiten reichlich Erfahrung damit, wachsende Zuversicht richtig zu moderieren, zudem hat der 49-Jährige in der Vorsaison gelernt, dass sich das hohe Tempo auf der Insel nicht ohne Pausen halten lässt.

"Ich konnte nicht glauben, dass die Spieler (von Zeit zu Zeit) drei, vier Tage frei haben und das geändert", hat er gesagt, "aber das war eine blöde Entscheidung. Wir sind jetzt englische Trainer, wir wissen, dass die Spieler jede Gelegenheit brauchen, sich zu erholen."

Diese Woche ist deswegen frei. Die Mannschaft muss Luft holen für das irrwitzige, ununterbrochene Winter-Programm und vorne auch bald neue Lösungen finden: Mane, Klopps Katalysator, verpasst wegen seiner Teilnahme am Afrika-Cup im Januar/Februar vier wichtige Liga-Spiele.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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