Liverpool und Chelsea verbindet seit vielen Jahren eine große Rivalität. Das schwierige Verhältnis wurde in den letzten Jahren vor allem von Gerrard, Mourinho und Benitez geprägt.

Ein knappes Jahrhundert lang sind sich die zwei Traditionsklubs auf Grund der geografischen Distanz (287 Kilometer Luftlinie zwischen Mersey und Themse) und höchst unterschiedlichen Erfolgsbilanzen nie auffallend in die Quere gekommen. Doch seit José Mourinho im Sommer 2004 an der Stamford Bridge anheuerte, hat das Lospech Chelsea und Liverpool öfter als alle anderen zwei Profimannschaften auf der Insel aufeinandertreffen lassen.

Am Dienstagabend, dem 1:1 in Hinspiel des Ligapokals an der Anfield Road, hatten es die beiden Teams schon zum 37. Mal in zehn Jahren miteinander zu tun. “Familiarity breeds contempt”, Vertrautheit erzeugt Verachtung, sagt man in England: die vielen, oft hoch-dramatischen Auseinandersetzungen haben die ganz gewöhnliche Partie zu einem leidenschaftlichen Derby gemacht, bei dem meistens mehr als das Resultat auf dem Spiel steht.

Liverpool Chelsea
Hitzige Duelle: Schiedsrichter Martin Atkinson zeigt Steven Gerrard die Gelbe Karte © Getty Images

Aktuell kämpfen die Klubs zwar nicht um die Meisterschaft  - Liverpool liegt 17 Punkte hinter dem Tabellenführer aus der Hauptstadt abgeschlagen auf dem achten Tabellenplatz - sondern nur um den Einzug ins Ligapokalfinale, aber das hat dem Duell keineswegs die Brisanz genommen. Vor dem Anpfiff intonierten die Fans der Blauen lustvoll den “Demba Ba Song”, zur Melodie von “Que Sera”.

Der Text (“Steve Gerrard, Gerrard. He slipped on his f... a... He gave it to Demba Ba. Steve Gerrard, Gerrard”) spielt auf den folgenschweren Ausrutscher der Liverpooler Klub-Ikone beim 0:2 im April 2014 an, bei dem ausgerechnet das verhasste Chelsea den Titeltraum der Gastgeber zunichte machte.

Mourinho hatte vor dem Anpfiff an seinen Anhang appelliert, den Gesang nicht anzustimmen: "Ich mag das Lied nicht, überhaupt nicht. Gerrard verdient als geschichtsträchtiger Spieler Respekt." Aber die Bitte blieb natürlich unerhört. 

Der Ex-Nationalspieler war vor einem Jahrzehnt lang das Ziel von heftigen Abwerbungsversuchen aus dem Süden des Landes gewesen, “ich träumte von einem offenen Dreieck im Mittelfeld mit ihm, Claude Makélélé und Frank Lampard”, gab Mourinho Anfang der Woche zu. 

Honigstein
SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein © SPORT1

Das Gerangel um den Mittelfeldspieler war aber nur einer von zahlreichen Brennpunkten. Am heftigsten knallte es im Halbfinale der Champions League im Frühjahr 2005. “Unsere Fans brauchen keine Plastikfähnchen”, mokierte sich Liverpool-Trainer Rafael Benítez nach dem 0:0 im Hinspiel in London, bei dem Chelsea die Utensilien an die Zuschauer verteilt hatte.

Benítez machte sich damit auch indirekt über den von vielen Liverpoolern als “geschichtsloser” Oligarchenklub verspotteten Klub lustig. (Diese Kommentare sollten den Spanier 2012, als er selbst bei Chelsea anheuerte, einholen) Im Rückspiel erzielte dann Luis García das berüchtigte “ghost goal”, wie Mourinho beklagte: der Ball hatte wohl eher nicht die Linie überquert.

Liverpool triumphierte darauf im Finale von Istanbul gegen den AC Milan, während Mourinho das kontroverse Aus in der Königsklasse nie verschmerzte. “Wir waren Freunde - bis Liverpool anfing, Spiele zu gewinnen”, sagte Benítez über das zunehmend miserable Verhältnis zu seinem Kollegen.

Im Januar 2011 kaufte dann Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch Liverpool höchstpersönlich den Fan-Liebling Fernando Torres für 70 Millionen Euro weg und besiegelte so den (zwischenzeitlichen) Abstieg des Klubs aus dem europäischen Spitzenfeld. 

Zum jetzigen Anfield-Coach Brendan Rodgers, der einst unter Mourinho zum Chelsea-Trainerstab gehörte, hat der Egomane aus Setúbal ein normales Verhältnis, doch Rote und Blaue sind sich deswegen trotzdem nicht grün.

Der Konflikt geht über die rein sportliche Konkurrenz weit hinaus. Für die Liverpooler, ein Klub, für den die gewaltigen Erfolge der Vergangenheit und die Tragödie des Hillsborough-Stadion-Katastrophe von 1989 die besondere Identität ausmachen, sind Chelsea neureiche Emporkömmlinge.

Die Londoner machen sich dafür, nicht erst seit der Übernahme durch Milliardär Abramowitsch, gerne über die eher ärmlichen Verhältnisse im Nordwesten Englands lustig. “You’ll never get a job” singen sie, “Ihr bekommt nie einen Job”, zur Melodie von “You’ll never walk alone”. 

Wie der Zufall es will, sind Mourinho und Rodgers beide am 26. Januar geboren.  Eine schöne Geburtstagsparty wird es am Tag danach, wenn Liverpool dann schon zum 38. Mal seit Januar 2015 gegen die Blauen antritt, aber eher nicht geben.   

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