München - Zubizarretas Entlassung und Puyols Rücktritt legen Barcelonas wahre Probleme offen. Auch ter Stegen könnte zum Opfer werden.

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Marc-Andre ter Stegen muss sich vorkommen wie ein Handwerker, der eine Glühbirne anschließt, während um ihn herum Mauern brechen und Decken knacken. Der FC Barcelona ist innerhalb weniger Tage in seine schlimmste Krise seit Jahren gestürzt.

Dafür kann der Torhüter nichts. Trotzdem könnte er zu den Opfern des Barca-Bebens gehören: Der gerade gefeuerte Sportdirektor Andoni Zubizarreta hatte ihn vor einem halben Jahr aus Mönchengladbach geholt. Der Ex-Keeper war von ter Stegen als neuer Nummer eins überzeugt - im Gegensatz zu Trainer Luis Enrique.

Der wünschte sich den Chilenen Raul Bravo. Bislang wechselten sich beide in Liga und Champions League ab; jetzt hat Enrique kaum noch einen Grund, ter Stegen überhaupt zu bringen.

Barcelona ohne sportliche Leitung

Zubizarretas Entlassung legt die Symptome eines kaputten Vereins frei. Mit ihm ging auch sein Assistent, der ehemalige Kapitän Carles Puyol. Eine Woche, nachdem der Internationale Sportgerichtshof die einjährige Transfersperre für Barcelona bestätigte, hat der Verein zwei seiner Legenden demontiert und steht jetzt ohne sportliche Leitung da.

In der Liga sieht es auf Platz drei trotz der jüngsten Pleite in San Sebastian gar nicht schlecht aus. In der Champions League erreichte Barcelona als Gruppensieger das Achtelfinale, trifft dort auf Manchester City. Tatsächlich aber hatte Zubizarreta seit seinem Amtsantritt 2010 eine schwierige Transferbilanz: Er holte viele teure Spieler wie Cesc Fabregas, David Villa oder Alexis Sanchez, die meisten sind schon wieder weg. Vor dieser Saison waren Thomas Vermaelen oder auch Douglas Pereira nicht die erhofften Verstärkungen. Einzig Neymar hob das Niveau der Mannschaft wirklich.

Zubizarreta als Sündenbock

Mit dem Transferverbot gab die FIFA Barcas Präsident Josep Maria Bartomeu den Knüppel zur Sündenbockjagd in die Hand. Bartomeu steht intern enorm unter Druck, schließlich kam er vor einem Jahr nur dank Sandro Rosells Rücktritt ins Amt. Gewählt hat ihn nie jemand, in Spanien ein großer Makel.

Präsidentschaftswahlkämpfe zelebrieren die Klubs dort, lassen millionentriefende Schlipsträger aufeinander los und rennen dann meist dem hinterher, der die aberwitzigsten Deals verspricht.

Zuckerwatte nachgeworfen

Hochrangige Mitglieder drängten deshalb bereits darauf, die nächste, eigentlich für 2016 vorgesehene Wahl vorzuziehen. Bartomeu präsentierte dem Verein mit Zubizarreta den angeblich Hauptschuldigen für all das Übel der letzten Monate. Und warf diesem noch reichlich Zuckerwatte nach: "Der Präsident dankt Andoni Zubizarreta im Namen des Vereins für seine Arbeit, seine Hingabe und seine Professionalität in den vergangenen vier Jahren", las sich das auf der Vereinshomepage.

Puyol warf freiwillig hin, aus Solidarität mit Zubizarreta. Angeblich hatte Bartomeu ihn als Nachfolger im Auge gehabt. Der Präsident hat sich also zumindest etwas Zeit verschafft. Probleme gelöst hat er damit nicht. Nur zweieinhalb Jahre nach Pep Guardiolas Abgang durchziehen den Verein viele Fronten.

Luis Enrique kämpft um seinen Job

Als nächster könnte Trainer Luis Enrique dran sein. Am Tag nach Zubizarretas Entlassung fokussierten sich Spaniens Sportzeitungen bereits auf dessen Machtkampf mit Lionel Messi.

Schon seit Enrique seinen Job im Sommer antrat, soll Misstrauen zwischen beiden geherrscht haben. So richtig rund ging es aber erst in den letzten Tagen.

Messi verlängert Urlaub

Enrique setzte das erste Training nach dem Weihnachtsurlaub für den 30. Dezember an. Das sei aber schlecht, ließ Messi wissen, schließlich gehe sein Flieger zurück aus dem Urlaub erst im neuen Jahr.

Da knickte Enrique ein, gestattete Messi und auch Neymar die zusätzlichen freien Tage. Beide trainierten erst am 2. Januar wieder. In einem Trainingsspiel gerieten Messi und Enrique aneinander, ebenso wie Neymar und Luis Suarez. Der Rest der Mannschaft rebellierte offen wie nie gegen die Sonderbehandlung der beiden Superstars. Enrique setzte Messi und Neymar beim 0:1 in San Sebastian zunächst zur Strafe auf die Bank.

Enrique macht sich angreifbar

Dadurch machte er sich angreifbar, hatte er doch erst beiden drei zusätzliche Tage Urlaub gewährt. Messi soll intern getobt haben. Zuvor hatte er in dieser Saison bis auf zwei Pokal-Partien gegen einen Drittligisten in jedem Spiel begonnen und hatte bis auf ein Champions-League-Duell mit Ajax Amsterdam stets durchgespielt.

Das bisher letzte Kapitel: Am 5. Januar fehlte Messi beim traditionell für die Fans öffentlichen Weihnachtstraining. Das Real Madrid hörige Blatt "Marca" breitete genüsslich aus: "Die offizielle Entschuldigung war eine Magen-Darm-Grippe, aber das glaubte niemand. In der Tat war das auch schon der übliche medizinische Bericht des Klubs, wenn Ronaldinho beschloss, nach einer Party nicht zu trainieren."

Ultimatum für Enrique?

Einem Bericht des Radiosenders "Cadena COPE" zufolge soll es schon ein Ultimatum für Enrique geben: Gewinnt er nicht die beiden kommenden Spiele im Pokal gegen Elche und in der Liga gegen Atletico Madrid, ist er weg.

Innerhalb der Mannschaft wird er kaum gegen Messi ankommen. Zwar machen sich er und Neymar immer unbeliebter, aber auch die Kollegen wissen: Ohne dieses Duo läuft kaum etwas in Barcelonas Offensive. Enrique muss also anfangen, Extrawürste zu braten, um dauerhaft seinen Job zu sichern.

Noch nie war Messi so mächtig

Barcelona ist an Messi gebunden. Der kurz hochgezuckte Hype um ihn und den FC Chelsea ist pure Fantasie. Messi würde Barca aktuell auf keinen Fall verlassen, denn nie war er so mächtig.

Es brennt überall: Bewerbern für Zubizarretas Nachfolge ist deshalb auf jeden Fall ein gewisser Masochismus zu unterstellen.

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