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Jürgen Klopp wäre im Sommer für Real Madrid frei © Getty Images/Sport1

München - Reals Coach Ancelotti steht nach dem CL-Aus gegen Juve unter Druck, der BVB-Trainer wird als Nachfolger gehandelt. Doch die Wahrscheinlichkeit ist alles andere als groß.

Real Madrid wird, so mutig kann man es formulieren, in dieser Saison keinen Titel gewinnen.

In der Champions League das bittere Aus gegen Juventus Turin im Halbfinale, im Pokal bereits früh gescheitert, in der Liga der ewige Konkurrent FC Barcelona zwei Spieltage vor Schluss kaum mehr einzuholen.

Für Carlo Ancelotti, Reals Trainer, ziehen düstere Wolken am Himmel auf. Ein Jahr ohne Titel für Real Madrid? Das geht für die wenigsten Trainer gut. Für die Presse in Spanien ist allein das CL-Aus schlicht das "Fiasko des Jahrhunderts". Ancelotti selbst äußerte den Wunsch, bleiben zu wollen, ist aber erfahren genug, um zu wissen, was passieren kann: "Wenn sie den Trainer auswechseln wollen, haben sie das Recht dazu", sagte der Italiener.

Es gibt da einen Trainer, der im Sommer verfügbar wäre: Jürgen Klopp. Der 47-Jährige hatte bei seinem Abschied von Borussia Dortmund signalisiert, kein Sabbatjahr einlegen zu wollen, was als offene Bewerbung an die Top-Klubs Europas aufgefasst wurde.

Der "Pöhler" an der Seitenlinie der Königlichen? SPORT1 beleuchtet das Für und Wider dieses spannenden Modells.

Die Erfahrung

Klopp war, höflich formuliert, als Spieler international keine große Nummer. Eine ausländische Mannschaft hat er noch nie trainiert. Als Trainer sind seine Erfolge unbestritten, allerdings sind Dortmund und vor allem Mainz gleich mehrere Etagen unter Real Madrid, dem wohl noch immer größten und spektakulärsten Klub der Welt. Und auch wenn Klopp zuletzt Weltmeister trainierte, der Umgang mit Werbeikonen und Weltstars, wie sie Real hat, wäre für Klopp noch ungewohnt.

Fachlich ist Klopp allerdings jeder Verein der Welt zuzutrauen. Das von ihm in Dortmund eingeführte Pressing inklusive des überfallartigen Konterfußballs ist attraktiv und spektakulär.

Die Akzeptanz

In Madrid ist nur das Beste gut genug. Und selbst das nicht. Der Klub hat stets den Anspruch, die besten, teuersten, schnellsten Spieler der Welt zu haben. Das Spektakel ist Teil der Real-DNA. Das gilt auch für die Trainer, die, wenn auch nicht immer erfolgreich, immer die Aura eines Weltmannes hatten: Ancelotti, Mourinho, del Bosque, Capello. Das Präsidium der Königlichen weiß: Weltstars brauchen Trainer mit Weltruhm. Anders als z.B. der FC Barcelona, der auch mal einen Nachwuchstrainer zu den Profis schickt.

Jürgen Klopp, mit Jogginghosen, Drei-Tage-Bart und "Pöhler"-Kappe, der Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos oder Gareth Bale taktische Anweisungen gibt oder ihnen aufmunternd durch die Haare wühlt? Schwer vorstellbar. Es sei denn, Real will zwingend einen neuen Impuls. Oder Klopp sein Image ablegen. Dass er auch im Anzug eine gute Figur macht, hat er bei den Champions-League-Spielen mit dem BVB bewiesen.

Die Sprache

Klopp selbst sagte einmal sinngemäß, dass das Beherrschen der Spache eine Grundbedingung für seinen Erfolg sei. Klopp ist - im positiven Sinne - ein Menschenfänger, einer, der in Bildern spricht und emotionale Ansprachen hält, dessen Körpersprache sich mit seinen Worten deckt. Mit einem Dolmetscher verlöre davon vieles an Zauber.

Ottmar Hitzfeld traut Klopp einen Job bei Real grundsätzlich zu, schränkt aber ein: "Wenn Du als Trainer im ganzen Umfeld der einzige Mann bist, der nichts versteht, dann birgt das einige Gefahren. Du erkennst Unruheherde nicht. Du kannst Einzelgespräche mit Spielern nicht so führen wie in Deiner Umgangssprache."

Andererseits: Pep Guardiola hat auch erst in seinem Sabbatical in New York angefangen, Deutsch zu lernen.

Das Umfeld

Mainz 05, Borussia Dortmund - in beiden Fällen fand Klopp einen Verein vor, der auf dem Boden lag, den er aufbauen konnte. Beide Vereine verfügen über leidenschaftliche Fans, mögen ehrlichen Arbeiterfußball. Nicht umsonst halten viele Experten zum Beispiel einen FC Liverpool für die logische nächste Adresse für Jürgen Klopp: traditionsbewusst, latent unerfolgreich, nach Titeln dürstend und mit Hang zur Melancholie.

Aber Real? Ein stets überdrehtes und glitzerndes Umfeld, eine Presse mit mehreren Tageszeitungen, die sich fast ausschließlich mit Real beschäftigen. Ausschließlich Nationalspieler, Multimillionäre und Ich-AGs im Kader, dazu ein nervöses Präsidium und den König höchstpersönlich als obersten Fan. Mehr Kontrast geht für Klopp eigentlich nicht. Zudem muss diese Mannschaft immer funktionieren, immer gewinnen, egal wie.

Die Alternativen

Real hätte für den Fall einer Entlassung Ancelottis allerdings wenig Optionen. Klar, wohl nur wenige Trainer auf der Welt würden bei einem Anruf Reals Nein sagen (okay, Guardiola vielleicht), aber frei sind im Sommer wenige. Zinedine Zidane stünde als Trainer der Nachwuchstrainer bereit und ist eine lebende Fußballlegende. Joachim Löw will mit der Nationalelf kommendes Jahr Europameister werden. Julen Lopetegui, aktueller Trainer des FC Porto, ist Spanier und war bereits als Spieler und Nachwuchstrainer im Klub. 

Fazit

Jürgen Klopp im Santiago Bernabeu. Das klingt abenteuerlich und zurzeit wenig vorstellbar. Die Vergangenheit im Profifußball hat aber gezeigt, dass es wenig gibt, das unmöglich ist. Oder wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass Pep Guardiola mal Lederhosen trägt?

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