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Rafael Benitez arbeitete von 1986 bis 1993 als Trainer in der Jugend von Real Madrid
Rafael Benitez arbeitete von 1986 bis 1993 als Trainer in der Jugend von Real Madrid © getty images

München - Rafael Benitez wird Trainer von Real Madrid - und keiner weiß warum. Der Spanier verkörpert das Gegenteil von dem, wofür Real steht und droht zur Marionette von Präsident Perez zu werden.

Carlo Ancelotti gab sich wie so oft als Mann von Welt. Edel kam er daher, smart und stolz. Ein Gentleman. "Der berühmteste Klub der Welt muss spektakulären Fußball spielen und gewinnen", kündigte der Italiener im Presseraum des Estadio Santiago Bernabeu vollmundig an - und traf damit den Nerv der Fans von Real Madrid.

Knapp ein Jahr später sitzt im selben Raum ein Mann, der so gar nicht in die Glamour-Welt Reals zu passen scheint. Ein Mann, der in seiner Zeit beim FC Chelsea von den Anhängern als "fetter Kellner" belächelt wurde und sich bei seiner Vorstellung so demütig gibt, als wisse er selbst nicht, wie er an diesen Job gekommen ist.

Real und sein neuer Trainer Rafael Benitez - mehr Gegensatz ist auf den ersten Blick kaum möglich.

Bodo Illgner rät aber dazu, dem neuen Coach eine Chance zu geben. "Benitez fängt jetzt bei Null an und kann sich beweisen. Ob er zu Real passt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen", sagte der ehemalige Real-Keeper zu SPORT1.

Warum aber schmücken sich ausgerechnet die Königlichen mit einem Coach, dessen Ausstrahlung so gar nicht zum Selbstverständnis des ruhmreichen Klubs passt?

Keine Alternativen auf dem Markt

Zum einen schlicht aus Mangel an Alternativen. Jürgen Klopp, der Wunschkandidat der Fans, war früh aus dem Rennen, als Präsident Perez erklärte, der neue Trainer müsse Spanisch sprechen.

Bei Julen Lopetegui, aktueller Trainer des FC Porto mit Real-Vergangenheit, wollte man nicht denselben Fehler machen wie einst der FC Chelsea. Die "Blues" sicherten sich 2011 den damaligen Porto-Coach und als Jahrhundert-Talent geltenden Andres Villas-Boas - und jagten ihn acht Monate später wieder vom Hof.

Frankreichs Legende Zinedine Zidane erklärte selbst, "noch nicht bereit" zu sein. Zudem hat der deutlich verpasste Aufstieg mit Reals zweiter Mannschaft um Supertalent Martin Odegaard seine Position nicht gestärkt.

Technokrat kontra Spektakel

Benitez dagegen ist ein erfahrener Mann. Stationen wie der FC Liverpool, FC Valencia, Inter Mailand oder Chelsea schmücken seine Vita, dazu zahlreiche Trophäen. In seiner Karriere hat sich der 55-Jährige den Ruf eines besessenen Taktik-Genies erarbeitet.

Passend dazu entwickelte er vor einigen Jahren eine eigene Taktik-Software, um Schlüsselszenen eines Spiels auf dem iPad zu analysieren und zu sezieren. Fachlich hat Benitez also sicherlich das Zeug, Real zu trainieren. Aber ein vermeintlich verschrobener Taktik-Tüftler auf der Bank der Königlichen? Als Nachfolger des Charismatikers Ancelotti?

Spieler trauern Ancelotti nach

"Ich bin nicht in der besten Position, um solche Sachen zu entscheiden", erklärte Vize-Kapitän Sergio Ramos nach Ancelottis Entlassung: "Aber ich hätte in diesem Fall anders gehandelt."

Illgner sieht das ähnlich. Er hätte ihn "noch ein Jahr arbeiten lassen, weil in seiner Amtszeit doch auch viele Sachen passiert sind, die nicht unbedingt für ihn gelaufen sind. Der kurzfristige Verkauf von Xabi Alonso, der Verkauf von Angel di Maria - das waren alles Dinge, die für das Mannschaftsgefüge nicht optimal waren."

Auch Superstar Cristiano Ronaldo brach vor dem Rauswurf des Italieners eine Lanze für den Coach, der sich in der Mannschaft großer Beliebtheit erfreute. "Ein großer Trainer und ein toller Mensch", schwärmte der Portugiese: "Ich hoffe, dass wir in der nächsten Spielzeit wieder zusammenarbeiten werden."

Dieser Wunsch bleibt Ronaldo nun verwehrt. Stattdessen muss er sich mal wieder auf einen neuen Fußball-Leher an der Seitenlinie einstellen, den zehnten in zwölf Jahren Florentino Perez.

Marionette für Perez?

Womit der zweite Faktor pro Benitez ins Spiel kommt. Der mächtige Klub-Boss musste zwar dem Vernehmen nach erst von Generaldirektor Jose Angel Sanchez, seinem engsten Vertrauten, vom eher biederen Spanier überzeugt werden, war dann aber von dessen uneingeschränkter Loyalität begeistert.  

Benitez dürfte sich mit forschen Tönen in Richtung Klubführung zurückhalten. Für die Forderung nach Mitbestimmung im Verein fehlt es ihm, anders als Ancelotti oder Jose Mourinho zuvor, schlicht an Format. 

Ein wichtiges Kriterium für einen Präsidenten, der sich auch gerne mal in die Aufstellung einmischt. So erklärte Luis Figo 2005 nach seinem Abschied aus Madrid: "Er (Perez, Anm. d. Red.) war derjenige, der mich auf die Bank verbannte, nicht der Trainer."

Neue Rolle für Ronaldo?

Dieses Schicksal dürfte Ronaldo wohl nicht drohen, möglicherweise aber eine neue Rolle. Benitez und Perez sollen Gareth Bale als Schlüsselspieler für Reals Zukunft ausgemacht haben. Ein Wechsel des Walisers auf seine früher angestammte linke Seite ist daher ein heißes Thema.

Doch dort spielt aktuell bekanntlich Ronaldo, der sich dann mit einer anderen Position begnügen müsste. Ein Umstand, der beim dreimaligen Weltfußballer auf wenig Gegenliebe stoßen dürfte.

"Ronaldo könnte für Benitez ein Problem werden", meint auch Illgner im Gespräch mit SPORT1. "Er muss ihn und Bale ins Kollektiv einbinden und sie vielleicht auch mal auf die Bank setzen, um ihnen die nötigen Pausen zu gönnen. Da wird viel Überzeugungsarbeit von Benitez gefragt sein. Er ist bekannt dafür, dass er gerne rotiert, muss das aber dementsprechend gut verkaufen. Das wird seine Hauptaufgabe sein."

Betätigt sich Benitez am Ende tatsächlich als Königsmörder, ist er mehr denn je auf schnellen Erfolg angewiesen. Ansonsten wird sich schon bald wieder ein neuer Trainer im Presseraum des Santiago Bernabeu einfinden.

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