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München - Kurswandel auf dem Transfermarkt: Der FC Barcelona gibt viel mehr aus als Real Madrid. In der Nachwuchsarbeit machen die Königlichen gegenüber Barca Boden gut.

Ruhiger hätte sich Florentino Perez seinen Sommerurlaub auf Mallorca kaum vorstellen können.

Für gewöhnlich lädt sich der Präsident von Real Madrid die besten Spielerberater aus aller Welt auf seine 18 Millionen Euro schwere Privatyacht Pitina III. ein, um die Verpflichtung eines neuen Superstars für seinen Luxus-Kader einzutüten. Doch das Telefon des 69-Jährigen blieb in diesem Jahr ungewohnt still. Sein Galactico-Modell ist zu einem Auslaufmodell geworden, bei Real ordnet man den Größenwahn neuerdings der Kontinuität unter.

"Unsere Mannschaft ist nicht zu verbessern", beschwichtigte Perez während der Transferperiode immer wieder. Doch so richtig glauben wollte man es dem Oberhaupt der Königlichen erst, als der Deadline Day am vergangenen Mittwoch zu Ende ging. Die 105 Millionen Euro für Manchester Uniteds Rekordmann Paul Pogba waren ihm dann doch zu viel, er beließ es einzig und allein bei dem 30 Millionen Euro schweren Rückkauf von Eigengewächs Alvaro Morata.

Zidane lässt Talente von der Leine

Morata ist einer der jungen Wilden, die Real-Coach Zinedine Zidane von der Leine gelassen hat. Mit Dani Carvajal und Nacho Fernandez für die Defensive sowie Lucas Vazquez und Mariano Diaz für die Offensive sind vier weitere Kicker aus dem eigenen Nachwuchs mehr oder weniger ins Stammteam integriert. Hinzu kommt das von RCD Mallorca verpflichtete spanische Juwel Marco Asensio, das den verletzten Cristiano Ronaldo zu Saisonbeginn würdig vertreten hat.

Warum der plötzliche Kurswechsel? Zum einen, weil der nationale Erfolg zuletzt aufgrund ständiger personeller Umbrüche ausblieb. Zum anderen, weil Zidane vor seinem Engagement als Cheftrainer mehr als fünf Jahre im Jugendbereich und für die zweite Mannschaft von Real arbeitete. Der Franzose weiß um das Potential in La Fabrica, der "Talentfabrik" des spanischen Rekordmeisters.

"Es ist nicht so, dass Reals Jugendarbeit schlecht ist", erkannte schon Pep Guardiola in einem Interview im Dezember 2010, als er noch Trainer des FC Barcelona war: "Der Unterschied zu uns ist, dass wir unseren Talenten Chancen geben." Viele hochtalentierte Spieler, die einst bei Real ausgebildet wurden, mussten ihr Glück in anderen spanischen Klubs suchen - oder gingen ins Ausland.

Juan Mata verließ Real vor neun Jahren in Richtung Valencia, wurde Welt- und Europameister, wechselte in die englische Premier League zum FC Chelsea und spielt aktuell für Manchester United. Auch heute schaffen es zwar nicht alle, sich in Madrid durchzusetzen. Prominentestes Beispiel ist Stürmer Jese Rodriguez, der für 25 Millionen Euro an Paris St. Germain verkauft wurde.

Dennoch haben sich die Zeiten  geändert - auch in Barcelona.

Abkehr von La Masia? 

Während bei Real dieser Tage immer mehr Jugendspieler Fuß fassen, strauchelt Barca in Sachen Nachwuchs überraschend. Die Goldene Generation um Xavi, Lionel Messi und Co. mag gigantische Fußstapfen hinterlassen haben, doch die jahrelang so hochgelobte Barca-Akademie La Masia produziert kaum noch Vielversprechendes. 

Mit dem polyvalenten Defensiv-Allrounder Sergi Roberto ist aktuell nur einem Eigengewächs ein Stammplatz zuzutrauen. Andere haben längst das Weite gesucht. Marc Bartra zum Beispiel, der im Sommer nach langem Warten auf regelmäßige Spielpraxis zu Borussia Dortmund ging.

Sandro Ramirez (zum FC Malaga), Martin Montoya (zum FC Valencia), Munir El Haddadi (per Leihe zum FC Valencia) und Sergi Samper (per Leihe zum FC Granada) taten es dem Innenverteidiger gleich. Und in den Jahren zuvor waren schon weitere hochveranlagte Akteure wie Pedro Rodriguez (FC Chelsea), Thiago Alcantara (FC Bayern) oder Gerard Deulofeu (FC Everton) abgegeben worden.

"Wie ein Rollentausch"

Barca, das sich stets als "mes que un club" (auf Deutsch: mehr als ein Klub) definiert, wird nicht nur deshalb ein Traditionsverlust nachgesagt. Seit dem Amtsantritt von Trainer Luis Enrique vor zwei Jahren investierte der jahrelange Ausbildungsverein 340 Millionen Euro in neue Spieler, 122 davon alleine in diesem Sommer.

Seit 2008 gab Barca sogar mehr Geld für Transfers aus (477 Millionen) als Erzrivale Real (402 Millionen).

"Es ist wie ein Rollentausch", schreibt die - Real Madrid zugeneigte - Sportzeitung Marca und urteilt: "Barcas neues Modell lässt La Masia in Vergessenheit geraten." Für Barcas Ex-Vorstandsmitglied Toni Freixa steht längst fest: "Die Entwicklung ist unerbittlich. Barca wird ein Klub wie alle anderen auch." 

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