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John Cena (r.) zerlegte Roman Reigns am WWE-Mikrofon
John Cena (r.) zerlegte Roman Reigns am WWE-Mikrofon © WWE 2017 All Rights Reserved

München - Ein denkwürdiger WWE-Moment: Der verhasste Roman Reigns wird von John Cena verbal zerrupft, Realität und Fiktion verschwimmen. Geht der Plan dahinter auf?

Roman Reigns wird bei WWE von vielen Fans ausgebuht, weil er ein Kunstprodukt ist.

Von der Chefetage aufgebaut, um den Erfolg von John Cena zu wiederholen - was ihm dummerweise aber nicht gelingt. Zum Beispiel deshalb, weil er deutlich weniger guter Redner ist, der gerade mal so eine anständige Promo-Ansprache hinbekommt.

Diese Ansichten hat man schon oft gehört oder gelesen, in sozialen Medien, in Blogs und -podcasts von und für Wrestling-Fans.

Was neu ist: Dass nun vor laufender Kamera bei einer WWE-Show zu hören ist, dass Reigns eine "billige, von der Firma erschaffene Cena-Raubkopie" sei. Ausgesprochen von John Cena, dem Mann, dem Reigns nacheifert - und der sein nächster Gegner in der Showkampfliga sein wird.

WWE mischt Realität in die Illusion

Die WWE-Verantwortlichen haben ein Tabu gebrochen, indem sie Cena bei Monday Night RAW so haben reden lassen. Zu einem bewusst gewählten Zeitpunkt. Und mit einem offensichtlichen Plan im Hinterkopf.

Der "Worked Shoot", ein Segment, in dem echte Geschehnisse zur Story werden, Realität und Fiktion verschwimmen, ist ein Stilmittel, da im Wrestling immer mal wieder eingesetzt wird (SPORT1 erklärt: So funktioniert die Showkampf-Liga WWE).

Es soll für Gesprächsstoff sorgen, vor allem unter den gut informierte, "smarten" Fans, Fehden interessanter machen, die Illusion verstärken, dass echte Kämpfer echte Streitpunkte ausfechten und echte Emotionen ausleben. Gerade Cena hat das Rezept schon mehrfach erfolgreich angewandt, würzte auch seine Duelle mit The Rock oder zuletzt auch The Miz mit giftigen persönlichen Anspielungen.

John Cena rührt in Roman Reigns' Wunde

Reigns hat tatsächlich seit Jahren damit zu kämpfen, dass ein großer und lautstarker Teil der WWE-Fanbase seinen Aufbau zum kommenden Topstar ablehnt (wobei er trotzdem der kommerziell erfolgreichste unter den jüngeren WWE-Stars ist).

Die Liga hat sich daran gewöhnt und arbeitet längst mehr damit als dagegen, etwa in seiner Fehde gegen den Undertaker. So offen wie Cena hat WWE aber noch keinen den Finger in Reigns' Wunden legen lassen.

Und auch wenn Reigns gegen Cena zurücksticheln durfte: Er tat es weniger überzeugend, inhaltlich wie rhetorisch. An einer Stelle schien er gar seinen Text vergessen zu haben, worauf Cena dann auch noch herumritt.

Die so noch nicht dagewesenen Attacken auf Reigns heizen das nun anstehende Generationenduell zwischen dem 32-jährigen Reigns und dem acht Jahre älteren Cena kräftig an.

Mit dem ultimativen Ziel, dass Reigns mit einem überzeugenden Auftritt die von Cena angesprochenen Kritikpunkte darin ausräumen kann - in der Fiktion und in der Realität, wo Cena tatsächlich noch immer weit mehr Umsatz für WWE macht als Reigns.

Die "Pipe Bomb" von CM Punk ist Vorbild

Unangenehme Wahrheiten auszusprechen, um sie in angenehmere Bahnen zu lenken: Genau das ist meist die Idee hinter einem "Worked Shoot".

Man denke zurück an das berühmteste Beispiel der jüngeren Vergangenheit: die legendäre "Pipe Bomb" (Rohrbombe) von CM Punk 2011. Punk rechnete damals in einer messerscharfen Promo-Rede mit der WWE-Führung um Vince McMahon ab - und kanalisierte damit seine reale Unzufriedenheit über seinen Status in der Liga-Hierarchie (wie auch die Unzufriedenheit vieler Fans mit der Ausrichtung von WWE).

2011 Nickelodeon Kid's Choice Awards - Arrivals
CM Punk hielt 2011 eine legendäre Promo-Rede bei WWE © Getty Images

Es wurde ein großer Moment der Wrestling-Geschichte (an dessen Ende WWE Punk zum Schein das Mikrofon abstellte). Es folgten eine große Fehde mit Cena, eine lange Titelregentschaft Punks und viel gute Unterhaltung - alles zu sehr großem Nutzen von WWE.

Letztendlich aber blieb Punk in der Hierarchie trotzdem hinter Cena, sein Verhältnis zur Firmen-Führung angespannt. Zweieinhalb Jahre später kam es zum echten Knall und zur Trennung.

Es bleibt abzuwarten, ob die Realität diesmal dadurch geändert werden kann, dass sie in die Fiktion einfließt.

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