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Oscar Pistorius ist sechsmalige Gewinner einer Paralympics-Goldmedaille. © Getty Images

Pretoria - Oscar Pistorius hat laut Richterin Thokozile Masipa seine Freundin nicht vorsätzlich ermordet. Aber: Eine lange Haftstrafe droht.

Als ihn die Richterin mit den erlösenden Worten vor der Höchststrafe bewahrt hatte, weinte Oscar Pistorius auf der Anklagebank hemmungslos.

Der Paralympics-Star wird nicht des vorsätzlichen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp oder des Totschlags für schuldig gesprochen.

Dies erklärte Thokozile Masipa am High Court in Pretoria am Donnerstagmittag in ihrer Urteilsbegründung, bevor eine Mittagspause eingelegt wurde.

Fährlässige Tötung steht weiter im Raum

Pistorius hatte seine Lebensgefährtin Reeva Steenkamp am 14. Februar 2013 durch Schüsse durch die geschlossene Toilettentür seines Hauses getötet. Absicht konnte dem beinamputierten Athleten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Pistorius selbst hatte beteuert, er habe hinter der Tür einen Einbrecher vermutet und sich und Steenkamp schützen wollen.

Wahrscheinlich ist nun eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung. Denn Richterin Masipa bescheinigte dem 27-jährigen Südafrikaner, die Waffe in jener Nacht "bewusst" verwendet zu haben.

"Es gibt nur Indizien"

Dafür drohen Pistorius mehrere Jahre Gefängnis, es könnte aber auch eine Geldstrafe oder Gemeindearbeit bedeuten. Über das Strafmaß wird wohl erst in circa vier bis sechs Wochen entschieden.

Dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Oscar Pistorius habe seine Freundin vorsätzlich erschossen, schloss sich die Richterin nicht an. Als Pistorius in der Nacht zum 14. Februar 2013 seine Lebensgefährtin durch vier Schüsse durch die geschlossene Toilettentür getötet hatte, sei ihm einerseits klar gewesen, was er mache.

"Der Angeklagte hat die Waffe benutzen wollen. Er hat aber nicht die Möglichkeit vorhergesehen, dass er die Person hinter der Tür töten könne", sagte Masipa. Dass Pistorius aber wusste, dass sich hinter der Tür seine Freundin befand, habe sich nicht beweisen lassen.

"Die Schuld ist nicht ausreichend bewiesen, es gibt nur Indizien", führte Masipa aus. Zuvor hatte die Richterin bereits erklärt, dass Aussagen verschiedener Zeugen der Anklage nicht verlässlich gewesen seien.

Die Zeugen verwirren

Bei einigen Schüssen, die Zeugen gehört haben wollen, habe es sich um Schläge mit einem Kricketschläger gehandelt.

Auch die Aussagen zweier Nachbarn, sie hätten zwischen den Schüssen Frauenschreie gehört, hätten nicht zweifelsfrei dargelegt werden können.

"Ich bin der Ansicht, dass die Zeugen nicht unterscheiden konnten, was sie selbst wahrgenommen haben oder von anderen gehört oder der Presse entnommen haben", sagte Masipa, die auch der zeitlichen Darstellung des Ablaufes der Mordnacht durch die Verteidigung folgte. Die Anklage haben daran keine Zweifel wecken können.

Gleichwohl kritisierte die Richterin Pistorius scharf.

Pistorius zwischen Seifenoper und Reality-TV

Er sein ein "schlechter Zeuge" gewesen. Oftmals habe er ausweichend reagiert. "Er erweckte den Eindruck, dass ihm wichtiger war, was die Konsequenzen seiner Antworten sein könnten, als die Fragen selbst", sagte Masipa.

Der weltweit viel beachtete Prozess hatte am 3. März dieses Jahres begonnen. An 41 Verhandlungstagen wurde 40 Zeugen vernommen. Die Live-Übertragungen aus dem Gerichtssaal machten das Verfahren zeitweise zu einer Mischung aus herzzerreißender Seifenoper und schockierendem Reality-TV.

Der schwere Gang an den Angehörigen vorbei

Pistorius hatte kurz vor Beginn der Urteilsverkündung um 9.30 Uhr den Gerichtssaal in einem dunklen Anzug mit dunkler Krawatte betreten und unter anderem seinen Bruder Carl lange umarmt.

Auf dem Weg zu seinem Platz musste der sechsmalige Paralympic-Gewinner an den Angehörigen von Reeva Steenkamp vorbei.

Er begrüßte diese mit einem leisen "Good morning".

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