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Robert Harting Doping
Robert Harting ist Olympiasieger im Diskuswurf sowie erklärter Dopinggegner © SPORT1

München und Berlin - Robert Harting ist schockiert über die Machenschaften von Medizinern und Funktionären. Er fordert einen Anti-Doping-Fonds.

Robert Harting polarisiert. Er begeistert. Er scheidet die Meinungen.

Seine herausragenden sportlichen Leistungen sind ohne jeden Zweifel. Doch der Olympiasieger im Diskus kann mehr, als sich nur das Trikot von der Brust zu reißen und provokant seine Muskeln zur Schau zu stellen.

Er gilt als Meinungsführer. Immer dann, wenn es darum geht, Missstände in der Sportpolitik beim Namen zu nennen - und dagegen zu arbeiten. Der 30 Jahre alter Berliner sieht sich deshalb gerne auch als erklärter Dopinggegner, der selbst vor Polemik nicht zurückschreckt.

"Wenn der Diskus auf dem Rasen aufspringt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen", sagte er vor dem Finale der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin zu einer Aktion von Dopingopfern der DDR, die Pappbrillen verteilt hatten, um auf den angeblich im Verborgenen fortschreitenden Missbrauch hinzuweisen.

Putins Nummer

Auch zum aktuellen Skandal über angeblich staatlich organisiertes Doping in Russland hat der Welt- und Europameister eine klare Meinung.

Im SPORT1-Interview spricht er über verdächtige Beobachtungen, lebenslange Strafen und fragt nach der Telefonnummer des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

SPORT1: Herr Harting, eine "ARD"-Dokumentation brachte jüngst angeblich systematisch betriebenes Doping in Russland zu Tage, wohl auch bei Olympia in Sotschi. Überrascht?

Robert Harting: Das Wort Überraschung legt ja schon den Maßstab. Für uns Athleten ist es wirklich nicht überraschend, allerdings in der Dimension und in den dahinter stehenden Netzwerken schon. Wir haben vieles geahnt. Man sieht es, etwa an der Haut, verstärkte Akne ist ein Indiz. Beweisen lässt es sich aber nicht, es scheint ja ein flächendeckendes System zu sein.

SPORT1: Was macht Sie selbst als Sportler misstrauisch?

Harting: Man hat ja Augen im Kopf und beobachtet Leistungen im Saisonverlauf und Meisterschaftsergebnisse. Wenn es zum Beispiel bei einem Athleten schneller und ausgeprägter als es die Natur vorsieht zu unnatürlicher Muskel- und Gewichtszunahme kommt, erscheint das verdächtig. Als sauberer Athlet kennt man ja den Horizont des Möglichen und des Unmöglichen. Klar gibt es immer hochtalentierte und außergewöhnliche Sportler. Aber dann gibt es auch den Athleten, bei dem du dir sagst, das kann doch einfach nicht sein. Das ist psychologisch schon belastend und bedarf großer eigener mentaler Stärke.??

SPORT1: Wie äußert sich das?

Harting: Nehmen wir Ihren Beruf als Beispiel. Wenn Sie an Ihrem Arbeitsplatz gegen einen Kollegen antreten, der noch nachts arbeitet, während Sie schlafen müssen und Sie wüssten, der nimmt in irgendeiner Form Amphetamine, bekommt ein viel besseres Ergebnis als Sie hin, und Sie verlieren gegenüber ihrem Chef die Position. Das belastet doch psychologisch enorm, oder nicht?

SPORT1: Weg vom Abstrakten, hin zum angeblich Realen. In Russland muss wohl von einem staatlich geförderten Dopingsystem gesprochen werden, oder?

Harting: Was soll ich sagen, ich bin schockiert. Mediziner, Trainer und Funktionäre betätigen sich als Kriminelle. Die RUSADA oder Personen in verantwortlichen Positionen sind offenbar in ein Netz von Dopingmachenschaften verstrickt. Sie selber haben wahrscheinlich nicht die Telefonnummer von Wladimir Putin, oder?

SPORT1: Nein, pardon.?

Harting: Mein Russisch ist auch nicht so gut, dass ich mich melde und sage, hören Sie bitte damit auf, das ist schrecklich und abartig, betreiben Sie fairen und ethisch sauberen Sport. In einigen Ländern scheint die Zeit einfach stehen geblieben zu sein. Wir verfolgen in Deutschland einen konsequenten Kurs, staatlich verordnetes Doping Ost gibt es seit der Wende nicht mehr. In den ehemaligen Sowjetrepubliken schein das nur bedingt so zu sein.

SPORT1: Stehen jetzt nicht die WADA und das IOC in der Pflicht? DOSB-Präsident Alfons Hörmann sprach von Manipulation und davon, dass die Ergebnisse von Sotschi in Frage gestellt werden müssen.

Harting: Das sieht Herr Hörmann völlig richtig. Meiner Meinung nach können die IAAF und das IOC weitreichende Entscheidungen treffen, sie können Verbände und auch Mitglieder von Präsidien ausschließen. Wir Athleten werden von Olympischen Spielen nach Hause zurück geschickt, wenn wir nicht die richtige Kleidung oder die richtigen Schuhe tragen, oder ein Bild zu viel in unserem Blog landet. Zum Umgang mit den nationalen Anti-Doping-Agenturen habe ich zudem schon mal Vorschläge gemacht.

SPORT1: Die da wären?

Harting: Das könnte ein internationaler Anti-Dopingfonds sein. Alle Länder zahlen ein. Aus diesem Geld wird ein unabhängiges Anti-Doping-Institut gegründet. Sowohl die Mitarbeiter als auch die Kontrolleure werden innerhalb eines Ringes von etwa fünf Ländern gestellt. Die Labore sollten dann so aussehen, dass zum Beispiel Deutsche in Russland arbeiten können oder Russen in Indien. Die Kontrolleure sollten Diplomatenstatus erhalten, damit sie in jedem dieser Länder unabhängig reisen und kontrollieren können. Und diese Ringe sollten immer wieder ausgetauscht werden, damit auch hier keine Seilschaften entstehen.??

SPORT1: Und die Konsequenzen? Sie sprachen selbst von Ausschluss?

Harting: Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Das Wort Sanktion ist derzeit sehr sensibel zu betrachten, was die politischen Beziehungen aller Länder mit Russland angeht. Ich möchte mich vom Russlanddiskurs entfernen. Ich habe dem IOC meinen Vorschlag unabhängig von dieser Geschichte nahegelegt. Und ich werde es hiermit wieder tun.??

SPORT1: Doch Staaten sind mächtig, einzelne Sportler angreifbar. Stehen die jetzt nicht wie die Prügelknaben da?

Harting: In autokratischen Staaten steht die Mündigkeit des Athleten nicht im Vordergrund. Dopende Sportler denken nicht in erster Linie daran, dass sie ihren Kontrahenten aus anderen Ländern unrecht tun. Sie denken 'ja danke, der Trainer macht das schon und er hat gesagt die anderen machen es auch, dann hat es ja der Trainer erlaubt'. Der Trainer steht für das Land. Und wenn der Trainer das sagt, dann möchte dies das Land so. Da bringt es auch nichts, die Athleten zu bestrafen, weil sie schlicht eine andere Denkweise haben.??

SPORT1: Keine Bestrafung? 2015 wird die Regelsperre auf vier Jahre angehoben. In Deutschland gilt das als umstritten. Kritiker sagen, das käme einem Berufsverbot gleich.?

Harting: Die, die Herrn Seppelt (Hajo Seppelt, Autor der Dokumentation, Anmerk. d. Red.) das Videomaterial zur Verfügung gestellt haben, haben verstanden, dass man so was nicht macht. Sie wissen, dass das falsch ist. Andere wissen, dass das falsch ist, machen es aber trotzdem. Athleten, wie in Russland, werden teils dazu genötigt, sie tun es dennoch in letzter Konsequenz freiwillig. Sie müssen sich dem dem Anti-Doping-Code stellen. Längere Strafen würden aus meiner Sicht mehr abschrecken.

SPORT1: Es passiert aber nur wenig.?

Harting:Ich meine, mal von der NADA gehört zu haben, dass der Anti-Dopingkampf ungerecht sei, weil die Dopingindustrie milliardenschwer und die Anti-Doping-Industrie nur millionenschwer ist. Das möchte ich zitieren und kann es so nur unterstreichen.??

SPORT1: Die ukrainisch Stabhochsprung-Legende Sergej Bubka sprach sogar vom größten Problem des 21. Jahrhunderts.

Harting: Er hätte auch sagen können: Das er sich dafür schäme und Konsequenzen androhen würde, aber das kann er ja nicht wirklich sagen. Wenn Sie aber über Doping sprechen, möchte ich, dass auch wirklich allumfassend gearbeitet wird. Damit meine ich den Doppeldiffusor in der Formel 1 oder auch Witali Klitschko oder Pep Guardiola (jeweils positiv getestet, Anmerk. d. Red.). Wo sind die objektiven Diskussionen? Diese Themen schneiden Journalisten nie an, das ist unverständlich und zerstört den Glauben der sauberen Athleten. Wenn vor diesem Hintergrund Leistungen deutscher Leichtathleten nicht fairer und differenzierter bewertet werden, schadet man nur diesem Sport.

SPORT1: Der Frust muss tief sitzen...

Harting: ...man wird seiner Ideologie beraubt, dem Kern dessen, woran man glaubt. Die Menschen, die dadurch Ziele verloren haben, tragen teils psychische Schäden davon - Nadine Kleinert zum Beispiel oder Markus Esser oder Andre Höhne. Es ist aber auch nicht so, dass alle Welt nur noch belügt und betrügt. Ich appelliere an jeden Leser und Zuschauer, dass das nicht der Fall ist. Man muss da kritisch hinschauen, wo das große Geld verdient wird. Weil da gibt es scheinbar Korruption, Bestechungen und Reserven, das Kontrollsystem zu umgehen.

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