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ATHLETICS-DIAMOND-FRA
Genzebe Dibaba gewann bei großen Meisterschaften bislang nur zwei Hallen-Titel. © Getty Images

Paris - Mit ihrer Fabelzeit über 1500 Meter in Monaco vertreibt Genezebe Dibaba die Schildkröten-Armee aus dem Rekordbuch. Sie kündigt neue Großtaten an, weckt aber auch Zweifel.

Genzebe Dibaba wirkte irgendwie ein wenig verloren: Da stand diese zierliche Läuferin aus Äthiopiens Hochland auf der Bahn des Stade Louis II, winkte dem Publikum schüchtern mit einem Blumenstrauß zu und musste das Rennen ihres Lebens kommentieren, während sich die Stimme des Stadionsprechers überschlug. "Ich bin sehr glücklich", sagte die 24-Jährige verlegen: "Das war sehr schnell."

Dibaba untertrieb hoffnungslos: Mit ihrem 1500-m-Weltrekord von 3:50,07 Minuten beim Diamond-League-Meeting in Monaco hat sie die Leichtathletik-Welt auf den Kopf gestellt.

39 Hundertstel blieb sie unter der 22 Jahren alten Bestmarke der Chinesin Qu Yunxia, die in einer dunklen Läufer-Ära zur "Schildkrötenblut-Armee" des berüchtigten Trainers Ma Junren gehört hatte.

Rekord schien unantastbar

"Das war schlichtweg ein phänomenaler Lauf", twitterte der britische Weltverbands-Vize Sebastian Coe, einst selbst 800-m-Weltrekordler. Vor allem aber ist Dibabas Leistung ein völliger Anachronismus: Die teils Jahrzehnte alten Bestmarken in den Lauf-Distanzen, erzielt in Hochzeiten des Doping-Missbrauchs, galten bis Freitag als unerreichbar.

In den vergangenen 20 Jahren gab es auf den olympischen Frauen-Distanzen von 100 bis 10.000 m einen einzigen Weltrekord: 2008 durch Genzebe Dibabas Schwester Tirunesh über 5000 m - im Frauenbereich sind die fünf Kilometer aber erst seit 1996 olympisch, dementsprechend spät begann dort die Rekordhatz.

Enorme Leistungssteigerung

Alle anderen Bestmarken sind Relikte einer finsteren Epoche, dominiert durch die USA, den einstigen Ostblock und China: Ob der 100-m-Weltrekord durch Florence Griffith-Joyner (10,49/1988), der über 400 m durch Marita Koch (47,60/1985), über 800 m durch Jarmila Kratochvilova (1:53,28/1983) oder über 10.000 m durch Wang Junxia (29:31,78) - sie schienen in Stein gemeißelt, trotz modernster Trainingsmethoden sind heutige Spitzenläuferinnen teils Welten davon entfernt.

Gleiches galt auch für Dibabas Rekord-Distanz. In der vergangenen 15 Jahren kam über 1500 m außer der Äthiopierin, die bereits Anfang Juli in Barcelona 3:54,11 lief, nur eine Läuferin näher als fünf Sekunden an Qus Rekord heran: Die Türkin Süreyya Ayhan (2003/3:55,33) ist mittlerweile wegen Dopings lebenslang gesperrt.

Die Leistung Dibabas, die außer zwei Hallen-WM-Titeln bei großen Meisterschaften noch wenig vorzuweisen hat und ihre Freiluft-Bestmarke 2015 um siebeneinhalb Sekunden steigerte, wirft demnach natürlich Fragen auf.

Dibaba hat große Ziele

"Über den alten Weltrekord der Chinesin weiß ich nichts. Ich lebe meine eigene Geschichte, kümmere mich nicht um andere und darum, unter welchen Bedingungen sie gelaufen sind", sagte Dibaba in Monaco: "Ich kann nur sagen, dass ich sehr hart arbeite und Gott für diesen Sieg danke. Ich denke, ich kann mich noch weiter steigern."

Und deshalb verkündete Dibaba rund zwei Stunden nach dem Rennen ihres Lebens, mittlerweile gar nicht mehr schüchtern, dass dies nur der Anfang gewesen sei: "Ich träume davon, auch die Rekorde über 800 und 5000 m zu brechen." Es wären Leistungen, die zu unglaublich erscheinen, um wahr zu sein.

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