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Gegen Lamine Diack wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Korruption eingeleitet
Gegen Lamine Diack läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Korruption © Getty Images

München und Genf - Gegen Lamine Diack wird wegen des Verdachts der Korruption und Bestechlichkeit ermittelt. Der Ex-Präsident der IAAF steht im jüngsten Dopingskandal einmal mehr im Zwielicht.

Lamine Diack hat einen Traum.

"Im Schaukelstuhl sitzen und zwei oder drei Bücher schreiben" - so idyllisch stellt sich der Senegalese seinen Lebensabend vor. Gut möglich, dass der Leichtathletik-Pate dafür bald mehr Zeit hat, als ihm lieb sein dürfte. Im Gefängnis.

Die französische Justiz ermittelt gegen Diack. Wegen Korruption, Geldwäsche und Bestechlichkeit. Der Ex-Präsident des Weltverbandes IAAF soll etwa 1,1 Million Euro Schmiergeld kassiert haben, um positive Dopingproben zu vertuschen. Sein Pass wurde eingezogen. (Reaktionen zum Doping-Skandal)

Diack, einst einer der mächtigsten Männer des Sports, darf Frankreich im Moment nicht verlassen. Nur weil der 82-Jährige eine Kaution von 500.000 Euro hinterlegte, ist er gerade auf freiem Fuß.

Diack "opfert Sport für Familie"

Im August gab Diack am Rande der WM in Peking seinen Thron an Sebastian Coe ab. Nicht wenige meinten, es wurde höchste Zeit. Dopingskandale, Korruptionsvorwürfe, ominöse WM-Vergaben - der Weltverband gab in den 16 Jahren von Diacks Feudalherrschaft ein wenig erfreuliches Bild ab.

Der frühere Bürgermeister von Dakar, senegalesische Minister und Weitspringer führte den Verband mit "uneingeschränkter Macht", wie DLV-Ehrenpräsident Helmut Digel sagt. Und Marius Vizer, ehemaliger Präsident aller Sport-Weltverbände, meinte einmal über Diack: "Ich opfere meine Familie für den Sport. Diack ist in meinen Augen eine Person, die den Sport für seine Familie opfert."

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will Diack die Ehrenmitgliedschaft entziehen.

Diack, der 15 Kinder haben soll, steht für ein korrumpierbares System und Vetternwirtschaft. Mittendrin: Sein Sohn Papa Diack, der bis Ende 2014 für die Vermarktung des Verbandes zuständig war - bis Hinweise darauf auftauchten, er sei ebenfalls in die Vertuschung positiver Doping-Proben aus Russland verwickelt gewesen.

Einer wie Blatter

Lamine Diack legte immer schon eine fast ignorante Nachlässigkeit im Kampf gegen Doping an den Tag.

Da wunderte es kaum, dass er die unter anderem in der ARD geäußerten Vorwürfe der systematischen Vertuschung als Verschwörung und "gezielte Kampagne, um die Medaillen neu vergeben zu können", abtat: "Wir sind überzeugt, dass 99 Prozent unserer Athleten sauber sind. Wir sind schließlich nicht der Radsport." Aufklärung? Stört nur das Geschäft.

Diack gehörte zu einer aussterbenden Funktionärs-Gattung, der Generation Blatter. Er war einer jener Präsidenten, die ihren Verband nach Gutsherrenart führten, undurchsichtige Strukturen schafften und jede Kritik, jede Krise selbstgefällig aussaßen.

Tiefste Krise der Geschichte

In den 50ern war Diack ein passabler Weitspringer, er wechselte früh ins Funktionärsgeschäft und bewegte sich seither in Grauzonen.

Nach der Pleite des Sportvermarkters ISL wurde 1993 bekannt, dass der damalige IAAF-Vizepräsident Diack drei ISL-Barzahlungen in fünfstelliger Dollar-Höhe erhalten hatte. Spenden von Freunden seien das gewesen, nachdem politische Gegner sein Haus niedergebrannt hatten, erklärte Diack damals. Die ermittelnde Ethikkommission des IOC verwarnte ihn.

Nach dem Tod des Italieners Primo Nebiolo rückte Diack 1999 an die Spitze der IAAF und überstand vier Wiederwahlen.

Wirtschaftlich stellte Diack den Verband neu auf, er erschloss neue Märkte und unterzeichnete Multi-Millionen-Deals mit Sponsoren und TV-Sendern. Doch nun steckt die Leichtathletik nur ein knappes Jahr vor den Olympischen Spielen in Rio in der wohl tiefsten Krise ihrer Geschichte.

Gut möglich, dass Diack seinen Traum im Gefängnis leben muss.

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